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Kulturinfarkt

Der totale Kulturlockdown

Schon den ganzen Sommer über freute sich das Konzert auf das Heraufziehen des Kulturherbstes. Stolz flanierte es an den Plakaten vorüber, mit denen es an Laternen und Litfaßsäulen angekündigt wurde. Ja es zählte die Tage und Stunden und wartete darauf, endlich das nächste Blatt am Abreißkalender wegzuzupfen. Immerhin steckte ihm der Frühling noch im Nacken, als Kultur auf einmal nicht mehr sein durfte. Immer Wassersuppe, das schmeckt halt nicht mal aufgewärmt, da helfen auch die paar Krümel Suppenwürze nicht wirklich. Ja, ja, spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Aber mal ganz ehrlich, als Künstler lebst du auch in der Zeit nicht wie die Made im Speck und dann auch noch was auf die hohe Kante. Netter Ratschlag. Danke!

Aber es kam, wie es kommen musste, im Herbst stiegen die verdammten C-Fälle wieder und die Herren der C-Partei hatten sofort die Kultur im Visier. Kultur steht ja immer im Verdacht, nicht besonders C-Partei freundlich zu sein. Man muss aber auch mal kulturschützend dagenhalten, dass die C-Partei nicht so besonders viel von Kultur hält, vor allem in den unteren Rängen der Kommunalparlamente. Als aber das Konzert die Hiobsbotschaft vom erneuten Lockdown erfuhr, schlug es der Länge nach hin und rührte sich nicht mehr. Der sofort alarmierte Kulturnotarzt kam nicht und auch die Kulturrettungsleitstelle hob bedauernd die Schultern. So kam es leider, dass das Konzert hilflos in der Öffentlichkeit verstarb. Dabei hätte schon eine Hand voll Eintrittskarten genügt, um es wiederzubeleben. Aber der Lockdown, leider.

In den Nachrufen war dann große und tiefe Trauer zu lesen. Und wie sehr man das Konzert vermisse und welch unermesslicher Kulturreichtum mit dem Konzert für immer von uns gegangen sei. Am meisten vermissten öffentlich diejenigen, die vorher das Konzert nie besuchten. "Man könne doch uns helfen" meldeten sich die noch nicht infarktierten Konzerte. Doch sofort verwies man auf dies und jenes Hindernis, dass man ja gerne und allumfassend helfen wolle, aber leider. "Liebe Konzerte, Sie wissen doch! Es geht um das Elementare, um die Automobilkonzerne zum Beispiel." Das sind doch ganz andere Dimensionen, aber danach werde man sich sofort ihrer annehmen. Versprochen. Und das ist wie bei den Wahlversprechen, da verspricht man sich auch ständig.

Indess wurde das Konzert in aller Stille beigesetzt, betrauert von den beteiligten Musiker*innen, die mittlerweile großteils der Kulturszene den Rücken gekehrt haben und als Paketdienstfahrer*in, Zeitungsausträger*in oder im Callcenter zu überleben versuchen. Man muss den jungen Menschen bei der Berufswahl wohl künftig den Ratschlag mitgeben, eine Branche zu wählen, die dem Staat rettungswürdig ist. Und Kunst, mein liebes Kind. Das finde ich sehr schön, aber halt nur als Hobby. Gell!

Häuserweihe

Über Glaube und Aberglaube

Als ich noch Kind war, zog alljährlich ein kirchliches Gefolge von Haus zu Haus. Der Priester in Chorrock, Albe und Stola begleitet von Ministranten. Einer trug die Laterne, einer das Weihrauchfass, ein Dritter das Schiffchen mit Weihrauch, ein Vierter hatte Kohlen dabei, ein Fünfter trug den Weihwasserkessel mit Pinsel und ein Sechster schließlich noch eine Tasche mit Büchern. Zwar gab es zum Adventbeginn eine ähnliche Prozession von Haus zu Haus, das waren die Adventsinger mit dem Verkündigungsengel, Johannes im Schaffell, Maria und Josef und allerlei Nebenengeln mit goldenen Flügeln. Johannes trug einen Adventkranz auf einer Stange. Vielleicht gibt es sogar die Texte noch. Jedenfalls war das ein schaurig, heiligmäßiges Spiel und hätte die Freude auf Weihnachten verstärken können, wäre da nicht auch noch der gestrenge Nikolaus mit seinem permanent grantigen Knecht auszustehen gewesen, der schon damals dermaßen viel über mich wusste, als wäre WhatsApp schon erfunden gewesen. Erst später wurde mir klar, dass sich meine Eltern mehrfach des Denunziantentums schuldig gemacht hatten.

Die Häuserweihe in den Tagen vor Epiphanie war jedoch von keinen widrigen Begleitumständen verdunkelt. Damals hatte Wegscheid noch drei Priester und damit drei Häuserweihtrupps und für jeden Trupp die volle Ausrüstung. Nun gab es immer schon besondere Häuser, wie es die auch heute noch gibt. Heute zeigt sich dies aber nur mehr in der Gastfreundschaft beim Neujahranblasen, die oft in Form von Schnaps erwiesen wird, was manchem Musikanten die Standsicherheit kostet, wenn es auf den Abend zugeht. Bei der Häuserweihe mag es vielleicht auch Schnaps gegeben haben, immerhin mussten die Geistvertreiber ja immer wieder in den kalten Winter hinaus, aber da ging es zunächst mal um Kaffee, Tee und Krapfen. Auf die Mittagszeit zu auch mal Würstl, worauf sich vor allem die Ministranten freuten. Wenn ich heute beim Metzger anstehe und die Verkäuferin ein Kind fragt „Magst eine Wurst?“, dann klingt ein Nein für mich nach Erziehungsfehler, wohl wissend, dass sich die Zeiten geändert haben. Ein Nein wäre damals niemals geantwortet worden, wartete man doch in der Regel sehnsüchtig auf diese Frage. Und dann gab es ein Thurnerwürstl oder ein Radl Hirnwurst.

Mit den Jahren wurden die Häuser mehr und die Priester weniger, so fand die Häuserweihe nicht mehr in jedem Haus statt und bald hörte sie auf, wie auch die Adventsinger ausblieben. Anfangs lagen vor Epiphanie Hausgottesdienste in der Kirche auf, die man selber halten konnte, ich habe noch zwei oder drei Varianten davon aufbewahrt. Wir halten sie in Ehren die Häuserweihe. Beten und ziehen mit Dreikönigswasser und Weihrauchfass durchs Haus. Freilich schwingt da ein Stück Heidentum mit. Aber ist nicht jede Religion ein Stück Heidentum und mit Ritualen gespickt, die man halt zu brauchen glaubte, vom Christbaum bis Weihpalm und Fronleichnamsbirken? Und da immer mehr fremdes Brauchtum in unser Leben dringt, muss Altes oft weichen, denn das Jahr kann man nicht verlängern. Letztlich sind ja all diese Bräuche gelebtes Heidentum, denn da Gott allgegenwärtig ist, wird man ihn wohl kaum mit Weihwasser in ein Zimmer spritzen können. Da aber unser ziemlich übersichtliches Vorstellungsvermögen das nicht begreifen kann, müssen wir halt  Weihwasser und Weihrauch zu Hilfe nehmen um Gott mit unserem Aberglauben in Einklang zu bringen.

Denn sie wissen was sie tun

Die maximal medienwirksame Handhabung von Corona

Eigentlich fing es ja schon mit der Annahme des Volksbegehrens an, du weißt schon: "Rettet die Bienen!". Ach so, du weißt es nicht mehr. Ja, so ist der Wähler. Jedenfall stand da einem Ministerpräsidenten (Beckstein würde Minsterpräsident sagen) das Wasser bis zum Hals und da er die Niederlage beim drohenden Volksentscheid förmlich riechen konnte, nahm er das Volksbegehren nicht nur an, respektive nötigte seine Koalition zur Annahme, er versprach sogar vollmundig, die Forderungen des Volksbegehrens noch zu verschärfen. Gesehen hat man bislang nicht viel von der Umsetzung. Vermutlich mahlt es in der großen Bürokratiemühle so lange herum, bis die großen Versprechungen als feiner Staub herauskommen, den das leiseste Lüftchen zu verwehen vermag. Und nun kommen schon wieder große maximalgrüne Versprechungen aus dem ministerpräsidierten Mund. Die große, nicht minder unchristliche Schwesterpartei bezeichnet die Grünen als größte Konkurrenten. Und siehst du, genau da liegt das Problem, denn Konkurrenten arbeiten nicht zusammen, sie konkurrieren, dabei wären unsere aktuellen Probleme durchaus groß genug für Zusammenarbeit. 

Will da einer vielleicht an die sieben Geißlein ran? Hat er etwa Kreide gefressen um in des Wählers Türchen eingelassen zu werden? Aber die Wackersteine liegen auch bereit und wir wissen ja, wie das Märchen ausging. Auch der Brunnen ist schon gebaut und wird aufgrund mancher Polderverweigerung beim nächsten Hochwasser tief genug sein. Doch leider fehlen die Geißlein, es gibt sie nur im Märchen, denn in der realen Welt sind es die Wähler und die sind - wollen wir es vorsichtig ausdrücken - nicht mit sehr viel Durchblick und Weitsicht gesegnet. Außerdem wollen sie nach Coronaüberfütterung vor allem ihre Ruhe und keinen Klimawandel und keine brennenden Regenwälder. Ja, das kommt schon wieder dran, wenn es heiß und trocken wird, aber bis dahin sind unsere politischen Pandemieverwalter maximal medienpräsent dabei, sich als Herr der Coronaringe in der medialen Manege zu präsentieren. Denn da wissen sie sehr wohl was sie zu tun haben. Und in der Pause sorgt Clown Hubsi für kurzweilige Unterhaltung.

Wir aber sollen uns vor den wilden Viren fürchten und den heldenhaften Todesmut des Dompteurs Söder bewundern, der sich nur mit Mund-Nasenschutz bewaffnet und jedes Mikrofon als Peitsche schwingend der mikroskopischen Gefahr entgegenwirft, während jede Menge Kameras seinen Bewegungen folgen. Es ist ja wohl eine altbekannte Binsenweisheit, dass der Wähler immer nur die besten, geeignetsten und intelligentesten Kandidaten auswählt und nicht die Schaumschläger, Marktschreier und Selbstbeweihräucherer. Trump ist dafür ein schlagender Beweis. Und weil der mündige Bürger auf derlei Scharlatane nicht hereinfallen kann, der Unmündige schon, wird der Wahlausgang ein ziemlich treffendes Bild der Mündigkeit unserer Bürger zeichnen.

Barmherzigkeit fragt nicht

Über die moralische Abschottung des Wohlstands

Zweifellos ist die Welt mehrgeteilt, zumindest zweigeteilt. Nämlich in die Besitzenden und die Besitzlosen. Und da du dies liest, gehörst du vermutlich zur ersten Gruppe, also zu den Gruppe-1-Menschen. Du sprichst perfekt Deutsch, hast ein gesichertes Einkommen und genügend Freizeit, um im Kanzelschreiber zu lesen. Dir geht's gut! Nun ja, die Gesundheit ... aber die kriegt man auch als Gruppe-1-Mensch nicht ständig frei Haus geliefert, die Therapie aber schon. Siehst du, da haben wir wirklich einen großen Vorteil. Und wir können uns getrost auf die Schulter klopfen, weil wir uns durch unser unermüdliches Trachten nach Mehrung des Reichtums dies alles verdient haben. Ich arbeite dafür aber auch lange und hart. Gut "hart", das ist bei Kopfarbeit so eine Frage. Der Schweiß läuft mir dabei nicht in Strömen herunter, höchstens wenn ich aus Unachtsamkeit eine Datenbank zerschieße, sonst nicht. Im meinem Metier ist Schweiß etwas für die Freizeit. Kurzum, ich fühle mich als wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft. Unserer Gesellschaft, wohlgemerkt, der Gesellschaft der Gruppe-1-Menschen. Ich kann also in höchster Selbstgerechtigkeit sonntags vor den Altar treten und Gott danken, dass ich nicht so bin, wie die Gruppe-2-Menschen, die sich wie Maden in unseren Wohlstand flüchten möchten. Ja, sie haben Fluchtgründe, sicher auch gravierende, sie werden vielleicht daheim mit Kerker, Folter und Tod bedroht. Aber muss ich wirklich alle Probleme der Welt kennen? Wer brav seine Steuern zahlt, auch Kirchensteuer und dann den Sternsingern spendet, der muss sich doch auch mal gerecht zurücklehnen dürfen, und zwar ohne schlechtes Gewissen.

Der undankbare Flüchtling

Das Problem fing an, als ich in Publik Forum auf das Buch "Der undankbare Flüchtling" aufmerksam wurde, es hat den Sophie-Scholl-Preis erhalten. Ich redete mit einer meiner Töchter darüber, dass ich überlegte, es zu kaufen. Dabei hing die Kaufentscheidung nicht vom Preis ab, sondern von der Thematik und der Tatsache, dass ich damit in Berührung kommen würde. Ich zögerte. Es ist das eine, wenn ich weiß, dass es Misshandlung gibt, aber nicht weiß, dass nebenan jemand jeden Tag misshandelt wird und etwas ganz anderes, wenn ich von dieser Misshandlung weiß. Da stehe ich dann schon ganz anders in der Verantwortung. Die Entscheidung zum Buch wurde mir abgenommen, denn an Heiligabend fand ich es unter dem Christbaum und es war definitiv für mich. Und so begann ich zu lesen. Es ist kein Buch, das man an dunklen Winterabenden in der wohligen Stube liest, in das man gerne eintaucht. Das Buch lässt das Grauen herein. Grausamkeit, die man nur absatzweise ertragen kann. Die Autorin erzählt mit einer Banalität, als wäre es die Beschreibung des Alltags und der tägliche Gang zum Zeitungskiosk, das ist das Verstörende daran, von einem Alltag zu lesen, den wir als das pure Grauen bezeichnen würden.

Keine Eintrittskarte

Für den heutigen Neujahrsgottesdienst hatte ich keine Eintrittkarte ergattern können - schon wieder. Wobei ich natürlich auch zugeben muss, dass mir das häufig sogar recht ist. Gottesdienstgemeinschaft und Abstandsregeln sind eine berührungslose Umarmung und wie sollte es dann berühren. Singen auch noch verboten. Praktisch Maximalungemeinschaft. Die Trennung von Tisch und Gebet. Wir leben im kirchlichen Trennungsjahr und es wird bald viele Scheidungen geben. Im Radio lief die katholische Morgenfeier mit Pfarrer Markus Bolowich. "Barmherzigkeit fragt nicht, sie hilft!" Dazu das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und Gedanken, die dazu geeignet sind, unsere sorgsam errichtete Moralfassade, also die Moral der Gruppe-1-Menschen, zu durchdringen. Wir haben unsere Wohltätigkeit institutionalisiert. Caritas, Misereor, Welthungerhilfe und und und. So viele Hilfsorganisationen, so viele Spenden, so viel Gutes, da muss es ja auch mal gut sein. Als Steuerzahler und Spender steht mir das Prädikat "Gutmensch" absolut zu. Was soll ich denn bitteschön noch tun?

Sterntaler

Freilich fällt mir da das Märchen Sterntaler ein, von dem Mädchen, das fast nichts hatte und doch gab, bis es tatsächlich gar nichts mehr hatte. Aber Sterntaler funktioniert halt im richtigen Leben nicht, Taler regnet es nur nach fleißiger Arbeit, Samaritertum ist der Feind meines Geldes. Freilich gibt es bandenmäßigen Betrug der Hilfsbereitschaft, seien es organisierte Bettlertrupps oder betrügerische Spendensammler, aber gibt uns das einen Freibrief? Entlässt uns der Umstand, dass betrogen wird pauschal von der Pflicht zu helfen? Löscht die Feuerwehr nicht etwa auch das Haus des Brandstifters? Wenn wir in den Bergen einem in Not gekommenen Wanderer begegnen, helfen wir selbstredend. Aber auch dort beschränkt sich das auf "Bergnot". Gut, in den Bergen trifft man keine Bettler, die zerlumpt am Wanderweg lungern. In den Bergen ist die Hilfe noch edel und man weiß, dass man der Bergwacht nicht die Butter from Brot stiehlt, wenn man Hilfe leistet. Aber unten im Tal, ja wie soll man denn da überhaupt noch zu etwas kommen, wenn man sich jeder Hilfsbedürftigkeit annähme?

Der Samariter

Jesus erzählt in einem Gleichnis von einem Mann aus Samarien, der einem Überfallopfer half, vielleicht das Leben rettete. Er nahm sich für diesen Hilfsbedürftigen Zeit. Es ist eins der unbequemsten Gleichnisse Jesu, denn der Samariter war offensichtlich reich. Er bezahlte für die Unterbringung und Behandlung. Er war ein Gruppe-1-Mensch und trotzdem tat er was zu tun war, was richtig war, was essentiell zum Menschsein gehört. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter durchbricht unseren Schutzpanzer, da hilft er nicht, wir können nur weghören. Nein, wirst du sagen, ich absolvierte einen Erste-Hilfe-Kurs und würde anhalten und helfen, wenn jemand einen Unfall hatte. Aber wie wäre es mit Bezahlen der Behandlungskosten, sollte sich herausstellen, dass das Opfer nicht versichert ist? Auch da wirst du sagen, dass unser Sozialsystem dafür aufkommt und es diesen Fall nicht gibt. Und wenn dieser Unfall kein Unfall war, sondern der Mann einer Schlägertruppe radikalisierter Islamisten und noch dazu in seinem Heimatland zum Opfer fiel und wenn sie drohen wieder zukommen um ihn zu töten und er sich zur Flucht entschließt, dafür aber Geld braucht, viel Geld. Wenn du zwar dieses Geld hättest, es aber für den nächsten Urlaub bestimmt ist. Wenn du also konkret vor der Wahl stehst, ob du auf deinen nächsten Urlaub verzichtest, oder diesem Menschen das Leben rettest. Ja, dann? Dann retten wir uns mit Allgemeinplätzen und Totschlagargumenten. Und dass man ja schließlich nicht dafür verantwortlich sei. Und um den Druck abzubauen erfinden wir den Status des Wirtschaftsflüchtlings, der daheim nichts zu befürchten hat und hier nichts zu suchen. Und wenn er beim Asylantrag darauf insistiert, dass ihn die Schlägertrupps daheim mit dem Tod bedrohen, dann machen wir halt eine schriftliche Anfrage beim Regime, ob sie die Bedrohungslage bestätigen.

Die Abstumpfung der Barmherzigkeit

Und all das macht der Barmherzigkeit den Garaus. Denn sie fragt nicht. Und wir fragen nicht, denn wir wollen, dass alles so bleibt. Dass die Welt im Urlaub bunt sein darf, daheim aber bitte vor allem weiß und kleinkariert. Dass wir den Klang fremder Sprachen im Urlaub als exotisch empfinden, daheim aber als Bedrohung. Denn nur so können wir den Status als Gruppe-1-Menschen erhalten, die hoffentlich bald wieder ihre Flugreisen machen können und sich mit Geld von den Nöten der Welt freikaufen. Ja durch ihr Verhalten sogar weitere Probleme verursachen, weil der Einzelne für sich in Anspruch nimmt, das Klima nicht retten zu können. Ich habe mit diesem Buch erst begonnen und ich lese es in verdaubaren Stücken und ich habe durchaus ein mulmiges Gefühl, ob meine selbstgerechte Fassade dem Inhalt standhalten wird. Vielleicht wäre vieles leichter und menschlicher und sorgsamer und auch selbstverständlicher, müssten wir alle regelmäßig solche Bücher lesen.

Freu dich, du liaba Christ!

Die Verunglimpfung des ehrbaren Handwerks

In der Adventszeit klingt es zwei- oder dreistimmig im Radio und bei vielen Adventveranstaltungen, wenn nicht gerade wieder Corona ist. "Freu dich, du liaba Christ, iatz is die Zeit bald um." Man hört es auch in der Weihnachtszeit, weil scheinbar die wenigsten den Unterschied kennen. Dabei ist es ganz klar, der Advent ist die Zeit des Geschenkekaufens und ab Weihnachten werden Geschenke umgetauscht und Gutscheine eingelöst. Und damit man etappenweise in die "gute alte Zeit" eintauchen kann, da in Mutters Stübele noch der Hm Hm Hm wehte und zum Erfrieren einlud, dreht man das Radio auf oder rafft sich zu einem Adventsingen auf. 

Man könnte ja meinen, solche Adventlieder werden in bester Absicht verfasst aber hört man mal genauer hin, dann erlebt man manchmal Überraschungen, die nur aus abgrundtiefer Verachtung geboren sein können. So ist das auch mit dem Lied "Freu dich, du lieba Christ", man möchte es nicht für möglich halten. Und wie perfide die Verunglimpfung eines ehrlichen Berufsstandes den adventlichen Frieden im Kerzenlicht durchfluteten Stübchen der heiligen Familie vergiftet, erkennt man erst auf den zweiten oder dritten Blick. Und man sieht förmlich, wie Josefs Gesicht zunächst Verblüffung zeigt, dann zu Unglauben wechselt bis er schließlich zornesrot den Hammer durch die Stube feuert und den Sängern am liebsten an die Gurgel spränge, wäre ihm das als heiliger Mann nicht strengstens und von ganz oben her untersagt. Aber irgendwo hat auch die Heiligkeit ihre Grenzen. Und eines Tages wird er wohl seinen Hammer doch zielgerichtet gegen die Sänger schleudern.

Wie kommt den jemand überhaupt auf die Idee, ein Adventlied für wie auch immer geartete Racheakte zu missbrauchen. Vielleicht ein Hinauswurf aus der Lehre, aber ist da wirklich die Schuld beim Handwerksmeister zu suchen? Wäre da nicht ein bisschen Reflexion, ein bisschen Selbsterkenntnis angebracht, bevor man seinen Zorn in ein Lied verfrachtet, mit dem dann ganze Adventgenerationen nichtsahnen dem heiligen Josef mangelndes Geschick vorwerfen?

Was können sie denn, diese Duos und Dreigesänge. Eine Terz von einem Notenblatt absingen und meist nicht mal das, sondern höchsten nach gefühlt ewigem Vorsingen ein bisschen Nachsingen. Und selbst das klappt nur, wenn sie den Ton treffen oder der sogar vorgespielt wird. Unvermögen in Perfektion, das mal mehr, mal weniger gelingt. Aber im Advent verzeiht man vieles und ist versucht, nur die gelungenen Töne zu hören, weil man ja auf Friedenstripp ist. Und dann haut man dem Josef eine gesungene Fotzn runter, dass die Nägel aus dem frischgezimmerten Bettstattl fliegen. Und das immer und immer wieder. Vom ersten bis zum vierten Advent, erst dann hat der gute Mann wieder für ein knappes Jahr seine Ruhe.

Dabei lassen es die Sänger und Sängerinnen in der ersten Strophe noch recht besinnlich und rührseelig angehen. "Freu dich, du liaba Christ, hiazt is die Zeit bald um. Drin im kloan Nazareth, schau ei amoi in d'Stubn!" Und doch erfolgt bereits in der ersten Hälfte der ersten Strophe ein perfider Angriff auf den heiligen Josef, weil man ihm nur eine Stube gönnt, in die man scheinbar und nach Belieben ohne weiteres von draußen reinschauen kann. Hier wird schon das Fehlen von Vorhängen kritisiert und das Erdgeschoss scheint sehr niedrig zu sein, folglich das ganze Haus nicht sonderlich stattlich. Jedenfalls eines Zimmermanns nicht würdig.

Aber erst in der zweiten Strophe holt der Verfasser, also jener nichtsnutzige Lehrling zum Tiefschlag aus: "Da Josef, da heilige Ma, zimmert 's Bettstattl zamm, so guat er ka." Das muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen. "so guat er ka", Josef, ein Zimmerermeister. Falls hier jemand meint, dass damit ausgedrückt werden solle, dass Josef all seine Fähigkeiten in das Zimmern einer Kindbettstatt legte, der verkennt, dass das Zimmern einer Bettstatt wohl keine sonderlich große Herausforderung für einen Zimmermann ist. Dass besagter Blindgänger von Lehrling hier schon mal den Beruf des Schreiners mit dem Zimmermann verwechselte ist mehr als Beweis für die Unfähigkeit dieses Taugenichts und Tagediebs. Dass sich aber die ganze Adventsinggemeinschaft jedes Jahr auf's neue singfertig zum Vollstrecker dieses missratenen Abschaums eines Versagers macht und dabei in bodenloser Gemeinheit die ehrbare Zunft der Zimmerer verunglimpfen darf, das zeigt mal wieder, wie gedankenlos wir Menschen sind.

Die Wiederentdeckung des Kreises

Warum ein lineares System in der Katastrophe enden muss

Wer kennt sie nicht, die berühmte Reise um die Welt, in der Jules Verne seinen Protagonisten Phileas Fogg samt Diener Passepartout in 80 Tagen um die Welt reisen ließ. Niedergeschlagen kehrte er einen Tag zu spät heim, weil er eines nicht bedachte, dass er während seiner Reise die Datumsgrenze überschritt und folglich doch noch rechtzeitig eintraf, was ihm 20.000 Pfund Sterling aus einer Wette einbrachte, mit denen er die 19.000 Pfund Reisekosten ausgleichen konnte. Fogg kehrte also zum Ausgangspunkt zurück und hatte 1.000 Pfund gewonnen. Eine Reise als Gewinn, das ist die Idealvorstellung, wären da nicht die 19.000 Pfund, die der Welt ihre Ressourcen abkauften. Zwar beschrieb Foggs Route keinen Kreis, wohl aber eine geschlossene Linie.

Der Kreis ist die idealform des Lebens

Der Kreis ist ein uraltes Symbol des Wiederkehrens. Stonehenge ist ein Kreis, die Urvölker Nordamerikas ehren den Kreis. Wenn wir auf Augenhöhe diskutieren, versammeln wir uns am runden Tisch.  Der Tageskreis hat 24 Stunden. Der Jahreskreis schließt sich nach 365,2426 Tagen. Selbst der Lebenskreis ist bemessen. Und auch der Kreis des Kosmos beginnt mit einem Urknall und endet mit der Rückkehr aller Energie und Materie zu einem einzigen Punkt, der in einem neuen Urknall die nächste Kreisbahn beginnt.

Bedenkt man das Schicksal des Kosmos, so scheint alles Streben, Schaffen und Gestalten sinnlos, aber kosmische Abläufe sind außerhalb menschlicher Zeitspannen, damit außerhalb unseres Vorstellungsvermögens. Selbst wenn wir die Zeit des kosmischen Kreises mathematisch darstellen können, sie bleibt unbegreiflich. Unser Vorstellungsvermögen begrenzt sich auf die Abläufe eines Menschenlebens. Auch diese Vorstellungs wächst erst mit den Jahren. Alles andere mag man zwar als Begreifen bezeichnen, es entzieht sich jedoch unserer Vorstellungskraft. Die gut zweitausend Jahre seit Christi Geburt  sind für uns nicht als Zeitspanne vorstellbar. Die Zahl begreifen wir wohl, aber sie ist abstrakt. Fünfundzwanzig Menschenleben, wie lange ist das, wie fühlt sich dieser Zeitraum an? Und wenn es darum geht, ein Atommüllendlager zu errichten, das mehrere Hunderttausend Jahre halten soll, dann kann man das halt nur noch berechnen, denn dieser Zeitraum liegt unendlich weit außerhalb unserer Vorstellung.

Sich auf ein Experiment einzulassen, dessen Dimensionen außerhalb jeglicher Vorstellungskraft liegt, das ist so ein typisch menschliches Ding. Da nämlich die Lösung des Problems außerhalb der eigenen Lebensspanne liegt, braucht man sich auch nicht damit zu beschäftigen, das Problem ist abstrakt. So wie das auch mit dem Geld ist. Milliardenbeträge sind für uns nicht vorstellbar, weil es nichts in unserem Leben gibt, das man mit so einer großen Summe messen könnte. Folglich ist es wesentlich einfacher, eine Milliarde für ein Corona-Hilfsprogramm auszugeben als 300.000, denn das können wir uns in Form eines Hauses ziemlich gut vorstellen. 300.000 haben eine vorstellbare Größenordnung, eine Milliarde nicht.

Das Klima unserer Enkel

Insofern wäre es schon praktisch und unserem Überleben zuträglich, wenn Klimaabläufe nicht so verdammt lange dauern würden. Wenn wir heute anfingen, komplett umweltverträglich zu leben, dann würden erst unsere Enkel davon profitieren. Tun wir es nicht, haben sie die Folgen unseres Tuns zu tragen, aber das ist ja erst nach unserem Lebenskreis. Folglich können wir die Früchte des erforderlichen Verzichts in Form glücklicher Enkel und Urenkel nicht mehr genießen. Deren Wohlergehen ist also eine abstrakte Größe.

Wir teilen uns die Erde momentan mit 7,8 Milliarden Menschen und wir werden noch mehr. Da aber nun mal die Erde eine Kugel ist und dergestalt eine sehr exakt definierte Oberfläche hat, deren bewohnbarer Teil noch dazu durch steigende Ozeane kleiner wird, müssen wir zwangsläufig enger zusammenrücken. Wie weit die Bevölkerung noch ansteigen wird, das lässt sich nicht so genau sagen. Die Forschung geht von maximal  11 bis 14 Milliarden aus. 1960 zählten wir 3 Milliarden. Erst ab dem Jahr 2100 wird die Weltbevölkerung wieder sinken. Sie muss es, denn die Erde setzt Grenzen. Mit der Weltbevölkerung explodierte der Ressourcenverbrauch und setzte den Klimawandel in Gang, der dazu führt, dass sich die mögliche Maximalpopulation Mensch reduziert.

Ressourcenverbrauch muss auf weniger als 38% runter

Heute sind wir also 2,6 mal so viele Menschen wie 1960. Würden wir also verantwortlich mit den Ressourcen umgehen, dürfte wir je Mensch nur mehr 100% : 2,6 = 38% verbrauchen. Das allerdings nur unter der Voraussetzung, dass unser ökologischer Fußabdruck 1960 ausgeglichen war. Er war es natürlich nicht. Folglich müssen wir auf deutlich weniger als 38% des Niveaus von 1960 runter, soll es für unsere Enkel und Urenkel eine bewohnbare und lebenswerte Erde geben. Da wir heute auf deutlich höherem Niveau als 1960 leben und 1960 zumindest im Westen schon mehr als möglich verbraucht wurde, liegt das erforderliche Ziel bei einem Bruchteil unseres heutigen Verbrauchs. Wer das für unmöglich hält, der soll einen Ausweg nennen. Jeder Luxusverbrauch geht auf Kosten der folgenden Generationen. Das heißt nicht, dass wir künftig auf jeglichen Luxus verzichten müssen, aber wir müssen diesen Luxus nachhaltig gestalten. Alle Treibstoffe müssen synthetisch hergestellt werden und den Kohlenstoff aus der Luft holen. Bodenbewirtschaftung, die Erosion verhindert, die Vielfalt des Lebens schützt und damit dauerhafte Bodennutzung garantiert. Minimale Ausbeutung von Rohstoffen, dafür eine maximale Recyclingquote. Das geht aber nur, wenn das schon bei der Produktion berücksichtigt wird. Wir brauchen möglichst langlebige Produkte und wir müssen aus der linearen Wachstumsspirale raus. Wachstum muss komplett vom Ressourcenverbrauch abgekoppelt werden damit nicht alles den Bach runter geht. Wachstum muss ressourcenneutral sein.

Aber selbst wenn wir ab heute alles richtig machen, ist der angerichtete Schaden schon enorm. Wir haben ja recht wenig Vorstellung, was zwei Grad Erderwärmung bedeuten oder gar drei. Erderwärmung gibt es ja in unserem Erfahrungspool nicht. Mal einen heißen Sommer, damit kommen wir klar. So einen, wie ihn Rudi Carrell herbeigesungen hat. Und dann kamen ja die Klimaanlagen in unsere Autos, freilich mit Sprit betrieben. Womit sonst? Und italienische Eisdielen überzogen das Land, was heiße Sommer auch noch genussvoll machte. Freilich, die Winter, der Schneemangel. Aber mit Schneekanonen war auch das zu lösen. Aktuell können wir schon bei -2,5° beschneien und mit etwas Chemie schaffen wir es vielleicht sogar bei Plustemperaturen. Und wenn sich die Skipisten durch saftiges grün oder verdorrtes braun schlängeln, man wird sich daran gewöhnen. 

Tanz auf dem Vulkan

Irgendwie fühlt sich das alles an wie die goldenen Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Als es überall brodelte und trotzdem oder gerade deswegen der Tanz auf dem heißen Vulkan ausschweifend alles vergessen ließ. Die Katastrophe kam und der Tanz war vorbei. Aber damals ging es um Wirtschaft und Politik. Gegen das Klima kann man nicht kämpfen, man kann es nur schützen. Man kann die Aggression des Klimas nicht mit Weltkriegen befrieden. Und trotzdem ist es ein Kampf, vor allem ein Kampf gegen unseren inneren Schweinehund, der sich trickreich alle möglichen und unmöglichen Ausreden für unsere Klimasünden zurecht legt. Deshalb wird man das Klima wohl nicht mit Appellen retten können. Es wird das liebe Geld sein, das unser Klima rettet. Und zwar in Form von hohen Preisen und Strafen. Der Preis ist das wirksamste Mittel. Strafen braucht man eigentlich nur für jene, denen der Preis egal ist, die Mitglieder des Clubs der Superreichen, von denen es mittlerweile so viele gibt, dass man auch deren Klimasünden eindämmen muss. Oh, das wird sicher weh tun. Aber wenn sich Nachbars ihren Sonnenbrand nicht mehr auf den Malediven holen, dann brauche ich das vielleicht auch nicht mehr.

Die Banalität des Kleinods

Wer seinen Stress regelmäßig durch Entfliehen ans andere Ende der Welt abbauen muss, sollte ihn besser vermeiden. Immerhin reduzieren die eingesparten Reisekosten schon jede Menge Arbeitsstress. Corona zeigt uns aktuell, wie reduziertes Leben geht. Wohl jeder hat seither viele kleine und große Entdeckungen gemacht, Kleinode gefunden, die eigentlich schon immer da waren. Aber da sie hier waren, fielen sie der Banalität anheim. Hier ist ja immer, das kann ich mir für später aufheben, den Himalaya nicht. Ist also das Zurückfahren unserer Luxusansprüche tatsächlich ein Verlust an Lebensqualität? Oder nur eine Änderung der Lebensqualität? Wenn ich im Verdichtungsmodus die USA bereise und in großen Sprüngen die Hotspots besuche, ist das mehr Urlaub, als wenn ich mich auf eine Region konzentriere und damit weniger aber längere und intensivere Erlebnisse haben werde? Wenn ich die Alpen erkunde und dabei nur die Hotspots abklappere, das Matterhorn, den Mont Blanc, den Ortler, den Großglockner, nach Möglichkeit auch noch per Auto oder Seilbahn möglichst schnell möglichst hoch hinauf. Habe ich dabei wirklich etwas gewonnen? Macht Jakobsweg mit ICE einen Sinn?

Erleben im Menschenmodus

Unsere Sinne sind unseren körperlichen Möglichkeiten angepasst. Bei Fortbewegung also dem Gehen. Die Aufnahmefähigkeit, das Zusammenspiel Kurz- und Langzeitgedächtnis funktioniert im Schritttempo. Insofern ist jeder Versuch der Beschleunigung vom Grundsatz her zum Scheitern verurteilt. Es gibt keine Gemütlichkeit-to-go. Jeder Versuch ist sinnloser Selbstbetrug. Ein Tal durchwandern, den Berg zu besteigen, darauf sind wir konditioniert. Das ist es eigentlich, was wir sollten; der Umwelt wegen und auch unserer Bedürfnisse. Durch die Welt zu zappen, als wäre sie ein reality TV kann nicht funktionieren und schon gar nicht für die Umwelt und unser Klima. 

Meister des Verzichts

Diogenes von Sinope war ein Meister des Verzichts und so ging er jeden Tag auf den Marktplatz um festzustellen, was er alles nicht braucht. Besitz macht reich aber nicht automatisch glücklich, oft sogar unglücklich. Und wenn Besitz reich macht, kann und muss Besitz andere ärmer machen. Denn Besitz kommt entweder aus Allgemeingut oder dem Gut eines anderen. Was die Frage aufwirft: Wem gehört die Natur und wem das Klima? Und wer hat folglich das Recht, das eine zu vernichten und das andere zu schädigen? Eigentum verpflichtet! Das sollte man jedem Autobahnraser auf die Windschutzscheibe kleben. "Flugreisen schaden dem Klima!", sollte auf jedem Flugticket für eine Urlaubsreise stehen. Denn dabei wird Allgemeingut geschädigt. Der Eigennutz wird zum Schaden der Allgemeinheit. Genuß auf Kosten anderer.

Die Zeit der Ausreden

"Nur einmal im Leben eine Kreuzfahrt", "nur einmal im Leben in die Südsee", "nur einmal die majestätischen Gipfel des Himalaya sehen", "nur einmal das Taj Mahal", "nur einmal". Ein unerfüllbares, da unlösbares Problem, denn das würde unsere Erde nicht verkraften, wenn jeder Mensch sich nur einmal so ein Quadratsünde gönnt. Zu Selbstfindung nach Neuseeland, zum Studiumsabschluss in die Anden, zur Beendigung der Sinnkrise in die Sahara. Alles möglich, aber bei den heute dafür eingesetzten Energiequellen leider extrem schädlich. Da sich aber diesen Luxus nur ein Bruchteil der Menschheit leisten kann, funktioniert es halt noch. Ein Problem ist es trotzdem. Würde aber jede dieser Luxusreisen mit Klimamaßnahmen kompensiert, dann wäre schon viel geholfen. Aber passt Klimakompensation zu unserer Schnäppchenphilosopie? Um also weiterhin solche Trips guten Gewissens machen zu können, müssen adäquate Klimakompensationen eingebaut werden. Ja, das macht es teuer und noch weniger werden es sich leisten können. Aber will man die Klimaerwärmung begrenzen, ist das absolut alternativlos. 

Oh, man könnte durchaus schon weiter sein, aber man hielt es nicht für nötig. Der Kredit der Enkelkinder und Urenkelkinder ermöglichte uns einen sorglosen Tanz auf dem Vulkan. Man musste nur die Augen schließen. Aber jeder Traum ist einmal ausgeträumt und dann ist Realität, ob sie uns gefällt oder nicht.

Das Jahr der Maske

Und was man dahinter verbergen kann

Zweifelsohne wird 2020 als das Jahr der Maske in die Geschichte eingehen. Zunächst wurden die Masken flugzeugweise und mit Polizeischutz aus China eingeflogen, dann produzierten wir selber auf Teufel komm raus und wir lernten Gesichter anhand der Augenpartie zu erkennen. Ja, man kannte sie, diese grünlichen Masken, vor allem wenn man einmal einen OP von innen sehen durfte, aber ansonsten waren Masken eher im Fasching zu verorten. Mit einer Maske konnte man jede Rolle über das Gesicht ziehen und so unerkannt die Sau raus lassen.

Im Kölner Bistum hat man nun die Maske der Scheinheiligkeit aufgesetzt. Auch eine Möglichkeit, der Wirklichkeit aus dem Weg zu gehen und die geweihten Perversen weiterhin mit kindlicher Unschuld zu versorgen. Nun ja, man kann nur darauf hoffen, dass beim Eintritt ins Jenseits alle Schandtäter und Vertuscher dem von ihnen so gern propagierten großen Strafgericht vorgeführt werden und dann per Fahrstuhl ab ins warme Untergeschoss, wo letztendlich ewige Gerechtigkeit gefoltert wird.

Das mag zwar gerecht sein, den Opfern hilft das wenig. Freilich kann man das Übel nicht an der katholischen Kirche festmachen, es ist leider weiter verbreitet, aber die katholische Kirche ist definitiv im Missbrauchsboot ein entscheidender Faktor und scheint die Täter nach wie vor mehr zu schützen als die Opfer. Gottes Mühlen mahlen langsam. Das sieht man zum Beispiel an der zögerlichen Entfernung von Straßenschildern, die nach Übeltätern jedweder Art benannt wurden. Immerhin mussten bis zu einhundert Jahre vergehen, bis man sich dazu durchringen konnte.

Ja wie ist das eigentlich, wenn einer (ebenso natürlich "eine") Großes für die Menschheit getan hat, sich aber gleichzeitig an was und wem auch immer empfindlich versündigt hat? Darf man das Gute losgelöst betrachten? Bei Kunst tut man das gerne. Wenn da einer ein Genie ist oder war, verzeiht man nahezu alles. "Er ist ein Künstler, ein Exzentriker, das muss man verstehen." Muss man? Jedem Otto Normalverbraucher würde man diese Milde nicht zuteil werden lassen.

Die katholische Kirche gewährt diesen Täterschutz ihren Perversen seit jeher und scheint - siehe Köln - nicht die Absicht zu haben, das zu ändern. Das mag früher funktioniert haben, früher, als Kirche nicht freiwillig war und die Schwarzröcke Narrenfreiheit ebenso genossen wie ausübten. Der schwarze Talar ein Abbild der Verkommenheit, mit einem kleinen weißen Kragen. Wie konnte das so entarten? Wer konnte das so lange zulassen? Und wer um Himmels willen kann das noch immer?

Ich erinnere mich an einen Erntedanksonntag, als ein Mädchen während der Kommunionausteilung die vielen Gaben am Altar bestaunte und dabei das Nahen des Pfarrers übersah. Dieser versetzte ihm eine schallende Ohrfeige und gab ihm dann die Kommunion. Was war das Vergehen? Würde dieses Mädchen heutzutage noch mal eine Kirche betreten? Aber so war das damals und so mancher Bischof denkt wohl, dass es wieder so sein müsse. Die Kirche als oberste Moralinstanz, die ihren eigenen Ansprüchen selbstredend nicht gerecht werden braucht, da ja geweiht.

Aber die Zeiten haben sich geändert und welcher Bischof auch immer das nicht wahrhaben will, leistet der Kirche ein Bärendienst und gräbt am Fundament. Kirche muss im Dienst der Menschen stehen, will sie überleben. Selbstgerechtigkeit und Täterschutz vergiften die Beziehung zum mittlerweile sehr säkularen Volk der Mitglieder und werden wohl jedem Sympathisanten eine mahnende Warnung sein. Mag ja sein, dass die katholische Kirche in armen Regionen nach wie vor ihre Anhängerschaft in seelische Abhängigkeit verführen kann, in aufgeklärten Regionen wird sie verlieren und da kommt ihr Geld her, was ihr nach wie vor sehr wichtig ist, wie die vielen vatikanischen Finanzskandale zeigen und der Protz einiger ihrer Würdenträger.

Die Kirche muss einen Mehrwert bieten, denn die Basis weiß längst, dass sie der katholischen Kirche keine Eintrittskarte für's Paradies abkaufen muss. Aber um dass zu erkennen, müsste die katholische Kirche sich von der Herrscherin zur Dienerin wandeln, ganz im Sinne Jesu. Und sie muss ihre adelsgleiche Hierarchie dorthin legen, wo sie hingehört: In die hinterste und für immer verschließbare Kammer. Wer sich da als "Exzellenz" anreden lassen will, sollte schleunigst entmachtet und entsorgt werden. Die Beziehung zu Gott braucht keinen Mittler, wohl aber Übung. Die Aufgabe der Kirche wäre am ähnlichsten der eines religiösen Fitnessstudios. Aber kann sie das? Wenn die Betroffenen über die Zulassung eines Gutachtens entscheiden, kann das nicht funktionieren. Ebensowenig wie ein synodaler Weg erfolgreich sein kann, bei dem eine Seite das Vetorecht hat. Solange die Mitglieder der katholischen Kirche sich das aus Ehrfurcht vor dem Klerus gefallen lassen, wird das vielleicht funktionieren. Aber diese Ehrfurcht schwindet, vor allem in Anbetracht der sich immer deutlicher manifestierenden Unfähigkeit der Amtskirche, die Zukunft zu akzeptieren. Wer an der Vergangenheit festhält, geht mit ihr unter.

Sieben auf einen Streich

König Markus, das neue tapfere Schneiderlein

Mal ehrlich: Allzuviel Mut kann man der katholischen Kirche in der Coronakrise nicht vorwerfen. Sie hat sich jegliche Einschränkung brav auf's Auge drücken lassen. Abstand, Maske, Singverbot, ja sogar die Heizung ist aus. Dass sich die Kirchenfürsten ausgerechnet für die Mundkommunion eingesetzt haben, ist für einen aufgeschlossenen Katholiken einigermaßen peinlich. Und jetzt auch noch die Mitternachtsmette mit straffreiem Hin- und Heimgang passé. Alle sieben bayerischen Diözesanbischöfe stürmten in die Staatskanzlei und forderten den König zum Duell heraus. Aber das wurde dem Selbstgekrönten dann doch zuviel. Wie können sie es wagen, das königlichen Ausgangsverbot in Frage zu stellen?  Und er tat es dem tapferen Schneiderlein nach und erledigte alle Sieben auf einen Streich. 

Somit wird das Jesuskind heuer wegen mangelnder Flexibilität nicht wie gewohnt zur mitternächtlichen Stunde das Licht der Welt erblicken. Wobei Historiker sowieso davon ausgehen, dass der 24. Dezember aus strategischen Gründen festgelegt wurde. Immerhin ist der 24. Dezember der Geburtstag ausgesprochen vieler Heilsbringer und bei denen ist es nicht minder konstruiert. Dass es Mitternacht sein muss ist ebenso lediglich Tradition. Darf man Traditionen so einfach über Bord werfen? Täten wir es nicht, säßen wir noch immer in afrikanischen Baumkronen.

Es wäre also mit ein bisschen Flexibilität durchaus möglich, eine Mette an Heiligabend anzubieten. Aber diese Flexibilität fehlt halt auf breiter Linie, wie der Einsatz für die Mundkommunion ganz typisch zeigt. Als ziemlich aus der Zeit gefallen präsentiert sich die Kirche im 21. Jahrhundert. Mit einem Kirchenadel, den wir schon mal deutlich weniger abgehoben erlebten. Wer sich von Glaubensbrüdern und -schwestern mit Excellenz anreden lässt, hält nichts von eine geschwisterlichen Kirche und Jesu Ratschlag an jene, die die Größten sein wollen.

Distanz ist der sicherste Schutz vor Ansteckung. Die Wirtschaft hat ihre langjährigen Vorbehalte gegen Homeoffice abgelegt. Seit Jahren wird uns der päpstliche Segen Urbi et Orbi per Fernsehen übertragen. Warum also nicht Homechurching? Die Technik ist da, auch zum gemeinsamen Singen und Beten. Und wer weiß, wie lange die Hostie per Zustelldienst noch auf sich warten lässt, oder es kommt die Cyberhostie, die man unkonsekriert daheim im Vorratsbehälter bereit hält und vom Priester während der Online-Messfeier per Mausklick verwandelt wird. Eventuell sogar mit einer Messe aus der Mediathek. Unmöglich sagst du? Wart's ab! Die Zukunft war schon immer für Überraschungen gut. Und wenn die Wissenschaft recht hat, dann sind wir sowieso zu völlig unterschiedlichen Zeiten in der Kirche, ohne es zu merken. Ich stelle mir das so vor, dass der Geistliche im Mittelalter am Altar erscheint, während ich im 21. Jahrhundert in der Bank sitze und trotzdem sehen wir uns, als wären wir zur gleichen Zeit da.

Wer glaubt, dass sich nichts ändert, wenn man nichts ändert, irrt.

Wir sagen euch an

Gedanken zum dritten Advent

Sehet die dritte Kerze brennt. Beim Fußball wäre heute die zweite Halbzeit angepfiffen worden. Heuer steht die dritte Adventwoche im Zeichen des Lockdown. Dem Einzelhandel wird ein weiterer Stoß versetzt, ein tiefer, denn die letzten zwei Adventwochen sind umsatzstark und der Einzelhandel ohnehin schon ziemlich geschwächt. Die Online-Riesen freut's, denn ihre Lieferförderbänder werden noch mehr beschleunigt. Onlinehandel, die virensichere Alternative. Die Weltbestellmaschine sitzt als Vollsortimenter in jedem Wohnzimmer.

Das macht machen Angst und man spricht von Zerschlagung. Angenommen es gäbe einen Volksentscheid zur Zerschlagung des Online-Riesen. Wie würde der wohl ausgehen? Wenig Aussicht auf Erfolg. Wer würde zerschlagen, was praktischer kaum sein kann. Freilich, der örtliche Einzelhandel. Aber dessen Demontage wurde unter Beifall der Bürger schon längst durch maximale Supermarkterschließung in die Wege geleitet. Und die Internetunfähigen? Vielleicht entsteht demnächst der Beruf des "Besorgers", der Dinge im Internet besorgt, die man selber entweder nicht besorgen kann oder keine Zeit dafür hat. Das wäre wohl mittlerweile eine lukrative Geschäftsidee.

Nun also wieder ab in die Totalbesinnlichkeit. Von Mittwoch in Adventwoche drei an muss alles Lebensunwichtige schließen, die Coronamatte darf sich wieder auf die Häupter legen und der Einzelhandel sich auf  Weihnachten bei Wasser und Brot vorbereiten. Gut, recht viel mehr werden Josef und Maria im Stall zu Bethlehem auch nicht gehabt haben, aber damals konnte man halt Wasser und Brot, seither sind die Ansprüche gestiegen und in dieser Generation haben die Standards klimabedrohliche Ausmaße angenommen. Nur das beste und exotischste darf auf den Tisch und die Urlaubsreise muss geflogen sein, damit sie der Status-Selbsteinstufung gerecht wird. 

Lockdown! Ausgangssperre von 09:00 bis 05:00. Keine Silvesterknallerei. Versammlungsverbot. Kein Alkohol in der Öffentlichkeit. Stille Silvesternacht. Wenigstens Vorsätze für's neue Jahr darf man fassen. Falls man das überhaupt will und sie noch nicht der Erkenntnis des grundsätzlichen Scheiterns solch sektschwangerer Besserungseuphorie zum Opfer fielen. Lockdown! Mal ein paar Gänge zurückschalten und es mit Stille probieren. Immerhin haben wir noch zwei Adventwochen zum Üben, das könnte hin gehen.

 

Krampfhafter Irrtum

Wenn die "Wahrheit" auf tönernen Füßen steht

Dass Tempo 130 gegen jeden Menschenverstand ist, das weiß jeder Verkehrsminister aus Passau und hinter dieser unumstößlichen Wahrheit stehen sicher auch alle Hersteller von Nobelrennsemmeln. Und wenn der Rest der Republik für Tempo 130 ist, dann ist es eine Irrmeinung. Irrmeinungen sind weit verbreitet. So eine Irrmeinung ist auch der Zölibat. Da glauben die allermeisten Menschen, dass der Blödsinn ist, aber auch da irren sie gewaltig, denn der Zölibat wurde der Kirche per Heiliggeistpost von allerhöchster Stelle zugestellt und da kannst du nichts machen. Wenn Gott selber Zölibat will, dann ist das letzte Wort gesprochen. Aber die Konspiration, dass der Zölibat nur wegen des schnöden Mammons eingeführt wurde, ist nicht aus der Welt zu kriegen. Vor allem die Missbrauchsopfer stehen ganz oben auf der Liste der Zölibatszweifler. Hinter ihnen der Großteil der Katholik*innen.

Und siehst du: immer das gleiche Muster. Nur weil der Irrglaube die Mehrheit auf seiner Seite hat, bleibt er trotzdem ein Irrglaube. Nur selten kommt es anders. So zum Beispiel beim Atom, da wussten die demokratischen und die sozialen Christen, dass es ohne Atomstrom zum Blackout kommt und zwar mit maximal parteitreuer Sicherheit. Da konnte die Mehrheit dagegen wettern, wie sie wollte. Ohne Atom kein Licht, das war so sicher, wie das Amen in der Kirche. Und jetzt? Atomstrom bald weg und außerdem E-Mobilität und machbar. Wie konnte das passieren? Wie soll das der nichtselbständig denkende Unionler - und derer gibt es viele - moralisch umsetzen können. Ich kann dir auf Anhieb ein Musterbeispiel eines parteitreuen Atombefürworters sagen, der sich von der Partei bis heute um die unumstößliche Wahrheit betrogen fühlt. Aber das Verrückte - oder soll ich sagen: das Verheerende - ist, dass er der Partei immer noch unverbrüchlich die Treue hält. Für mich klingt das nach krampfhaftem Irrtum. Vielleicht behandelbar, wahrscheinlich aber nicht.

Und so ist das auch mit dem Zölibat. Da wird ein Missbrauchsfall nach dem anderen aufgedeckt, aber der Teppich ist groß und man kann sehr viel darunter kehren. Wenn der Zölibat von Gott befohlen wurde, dann werden das die Missbrauchsopfer ertragen müssen. Schließlich muss Gott gewusst haben, was da kommt. Ein Gott machte Menschen, nicht ein Dilettant. Gott ist allmächtig und allwissend, der war sich schon darüber im Klaren, was er erschaffen wollte. Siehe die anbahnende Klimakatastrophe. Wo der Mensch mit all seinen Gott gegebenen Fähigkeiten auf einmal in der Lage ist, das Klima der Erde nachhaltig zu schädigen und zwar bis zur Unbewohnbarkeit und damit dem Auslöschen der Spezies Mensch. Warum macht Gott das? Eine mögliche Erklärung ist, dass jedes Spiel einmal ein Ende haben muss. Und dass die Menschheit an sich selbst zugrunde geht, ist schon sehr perfide geplant. Eine Meisterleistung. Aber für Gott sicher ein unterhaltsames Schelmenstück. Statte den Menschen mit Gier und Verstand aus und schau mal, was die Oberhand gewinnt. Fair war es nicht, denn bei der Gier hat Gott wohl ein bisschen übertrieben. Also hatte der Mensch eigentlich von Anfang an keine Chance. Allerdings ist das Spiel deshalb interessanter, weil der Untergang von den Protagonisten ausgeht. Bei den Sauriern war das ja anders. Die waren so erfolgreich, dass Gott das Ding mit dem Meteoriten drehen musste.

Zölibatäre sind übrigens von der Sünde des Ressourcendiebstahls befreit. Da sie keine neuen Umweltschädiger in die Welt setzen - mit nicht unerheblichen Ausnahmen - brauchen sie sich in Sachen Ressourcenverschwendung nicht beschränken. Dass sie dabei am Untergang mitarbeiten bleibt also straffrei. Und sollte Gott dereinst tatsächlich über jede verblichene Seele richten müssen, dann können die Zölibatären nur darauf hoffen, dass sich das Zölibatschreiben von 1011 a.D. noch in den göttlichen Archiven befindet. Sonst gnade ihnen ... Ja wer? Gott jedenfalls nicht, denn er wird den Missbrauch in seinem Namen wohl kaum zu würdigen wissen. Und dann geht es mit über Tempo 130 ab in die andere Fraktion, in die heißere.

Die Nikolausfälschung

JU lässt hilflosen Heiligen mit Bekennerschreiben liegen

Heute fand ich den Nikolaus vor unserer Haustür in der Kälte liegend. In einem Bekennerschreiben, das man ihm auf den Rücken geheftet hatte, erklärte sich die JU für die Tat verantwortlich. Als ich dem erbarmungswürdigen aus den Aluminiumkleidern half, war er durch und durch braun und verströmte einen süßlichen Geruch.

Gegen was oder wen richtet sich diese Aktion der JU? Im Bekennerschreiben stellen sie den Nikolaus als Original hin und verteufeln den Weihnachtsmann. Ist der Nikolaus nun politisch? Bei der JU? Und wo ist der Weihnachtsmann? Ist also der Weihnachtsmann eine Fälschung? Wovon?

Der Weihnachtsmann ist der Weihnachtsmann und der Nikolaus der Nikolaus. In Berlin brauchst du mit dem Nikolaus nicht ankommen. Und das bayerische Christkindl ist ein Mädchen mit Engelsflügeln, praktisch Jesulinchen. 

Der Nikolaus, so behauptet die JU, trage eine Mitra. Die gab es aber erst  ab dem 12 Jhd., da war der liebe Nikolaus schon gut 900 Jahre tot. Und ist nicht die ergrünte CSU eine Fälschung der Grünen?

Aber den Nikolaus in die JU aufzunehmen war schon anmaßend. Da sputeten sich die Grünen, um Jesus in die Mitgliederkartei eintragen. Denn diese Eintragung wurde die erste eines Gottessohnes und so ging jeder Heilige zu der Partei, der er sich zugehörig fühlte, um sich eintragen zu lassen. Als aber Hersödes von Jesu Mitgliedschaft erfuhr, musste er erst mal bei Lukas nachschlagen, weil in seinem Markusbuch derlei Dinge nicht vermerkt sind. Dann schickte er seine Soldaten in den Eintragungsort und befahl ihnen, alle zu erschlagen, die Grünenwähler sein könnten. Derweil aber war Jesus schon auf Hersödes Esel Hubert geflohen und wird erst zurückkommen, nachdem Hersödes in Berlin bruchgelandet ist.

Aber das alles musste geschehen, damit die JU sich mit dem Nikolaus aufmandeln konnte. Das sind also die Themen, mit denen sich die Nachwuchsorganisation einer Partei in Zeiten wie diesen beschäftigt. Oder auf den Punkt gebracht: Geht's noch?

Weihnachten 20

Demnächst in der Praystation

Man hat sich ja schon an so einiges gewöhnt, mit dieser Pandemie, aber der Ideenreichtum ist noch lange nicht am Ende der Sackgasse. Der neueste Schrei ist die Christmette im Stadion. Der An- und Abtransport der Mettenwilligen erfolgt mit Schuttlebus (für Englischlose: ein ganz normaler Bus)

Geburt im Strafraum.
Josef im Abseits, schon wieder.
Die drei Könige stürmen über die Flanke.
Herodes wittert ein Foul und trillert auf seiner Pfeife.
Ochs und Esel grasen friedlich hinter dem Tor.

Weihnachten 20, demnächst in der Praystation.

Schon erstaunlich, was diese Corona alles mit uns anstellen kann. 

Advent, Advent, Advent!
Man kann es nicht laut genug in die Stille der Adventmärkte hineinschreien.
Millionen Liter Glühwein vergammeln in Kanistern neben Jagatee aus Ischgl.
Dunkle Stille in den sonst vorweihnachtlich überdrehten Stadtkernen.
Advent retro, schwarz und ohne Zucker.
Und diese Stille! Wusste gar nicht, dass ich Tinnitus habe.
Dann die Masken, die ganze Welt ein OP.
Banken unmaskiert zu betreten ist strafbar.
Alles wegen dem C, also nicht das vom Berliner Adenauerhaus geklaute.

„Am Freitag auf d’Nacht montier i d’Apres-Ski
volla Freid auf mein neia EsJuVieh.
I foah nach Ischgl ei und tauch ei en Apres-Schnee,
weil dort is des Saufn von Friah weg scho unheimlich schee, e, e.

Weil i wü’s scheeeee warm, wow wow wow wow,
scheeeee warm, wow wow wow wow,
scheeeee warm, und Corona is des sicherste, was ma se dort abhoin kann.“

Wohl dem, der mit Maria durch den Dornwald geht,
im letzten Rascheln schneeverstummenden Laubs.
Freu dich, wenn du den wahren Stern im LED-Gewimmel leuchten siehst
und Stille und Dunkelheit und das Eigentliche ertragen, ja sogar vorfreuen kannst.

Irrglaube Mundkommunion

Nicht nur in Coronazeiten eine ekelhafte Methode

Die Eucharistiefeier ist die christliche Version des Pesachfestes, das Jesus am Tag vor seiner Hinrichtung mit seinen Jüngern in Jerusalem feierte. Damals tranken sie vier Becher Wein, aßen ungesäuertes Brot und das Pesachlamm. In der katholischen Liturgie sind die Speisen heute nur mehr symbolhaft. Für das gemeine Volk gibt es eine Hostie, der Priester und in seltenen Situationen einige Auserwählte trinken einen Schluck Wein aus dem Kelch. Die katholische Kirche geht davon aus, dass durch die Transsubstantiation Christus in Hostie und Wein gegenwärtig ist.

In den ersten tausend Jahren des Christentums gab es die Mundkommunion nicht. Erst in der Finsternis des Mittelalters kam man auf die Idee, dass man Jesus doch nicht in die Hand empfangen könne. Ausgerechnet auf diese düsterste aller Zeiten berufen sich die Mundkommunionisten. Jene Zeit, in der Andersdenkende verbrannt wurden, Naturheilerinnen auf den Scheiterhaufen loderten, Geständnisse erfoltert wurden. Eine Zeit, in der "Gottesurteile" ausnahmslos den Tod bedeuteten. Das heilige Land von verblendeten Päpsten mit Kreuzzügen überzogen und verwüstet wurde. Aus dieser Zeit stammt also die Praxis der Mundkommunion.

Eine Frage der Würde

Ist der Empfang der Hostie mit Mund oder Hand würdiger? Das ist wohl eine Frage des persönlichen Empfindens. Immerhin ist die Kommunion ein Zusammentreffen mit dem auferstandenen Jesus. Und da geht es nicht darum, auf welche Weise die Hostie empfangen wird, sondern mit welcher Einstellung. Auch bei Handkommunion landet die Hostie letztlich im Mund und nicht nur da, das muss man auch mal klar festhalten. Aber was ist würdig? Ist es das Leben von Sonntag Nachmittag bis Samstag Abend? Also ein christliches Leben, das sich meiner Meinung nach weniger daran messen lässt, wie viele Gottesdienste sich anhäufen, sondern wie christlich man sich im Zusammenleben verhalten hat. Es geht um das Gleichnis der Barmherzigkeit (Mt 25,36), es geht darum, was wir an unseren Mitmenschen getan haben. Das ist Jesu Anspruch an uns.

Eine Frage der Hygiene

Mundkommunion bedeutet, die Zunge zum Empfang der Hostie herauszustrecken und es ist eine Frage der Fingerfertigkeit des Kommunionspenders, dabei die Zunge zu berühren und folglich den Nagel des Zeigefingers mit Spucke zu benetzen, was tatsächlich bei einem gewissen Prozentsatz passieren wird. Und da muss man nicht mal auf Corona zurückgreifen, um es als ekelhaft und unhygienisch zu empfinden. Aber in Zeiten von Corona ist Mundkommunion ein absolutes NoGo und wer sie trotzdem verlangt, soll bitte den gestressten Krankenhauspersonal ins Auge blicken, wenn sie nicht mehr wissen, wie sie der Infektionszahlen Herr werden sollen. 

Ein Machtwort

Leider ist es so, dass die Mundkommunionisten ein störrisches Volk sind, sie lassen sich nicht beirren. Es sind Verirrte, die den Blick auf das Wesentliche längst verloren haben. Sie leben in ihrer Welt, die sie als die allein Seeligmachende betrachten. Aus diesem Grund wäre ein Machtwort des Bischofs und Pfarrers gefordert, das die Mundkommunion verbietet. Vor allem jetzt in Corona. Aber auch in Gesundheitszeiten ist die Mundkommunion für alle anderen Kommunionempfänger ein ekelerregendes Ärgernis.

Staade Zeit

Zum ersten mal seit Jahrzehnten

Ein Novum: Die Staade Zeit wird staad. Und die Welt stellt erstmals fest, worauf man alles verzichten kann. Immerhin fliegen sie wieder, die Jets und ziehen ihre Kondensstreifen über den Himmel, nicht mehr so viele, aber das ist auch gut so. Eine Epidemie lehrt uns Bescheidenheit. Kein Gesetz der Welt hätte das geschafft. Gut, die Querdenker. Aber gibt es die nicht immer? Bei allem und jedem? Bei erforderlichen Windrädern? Bei Stromtrassen? Für Autobahnen? Gegen Autobahnen? Für mehr Zug statt Auto und gleichzeitig gegen die Anbindung des Brenner Basistunnels. Das ist der Egoismus, der in unserem Kopf eine große Lobby hat. 

Im Grunde gegen dagegen und gegen dafür

Es wird wohl kein Windradgegner ernsthaft den Nutzen von Windrädern in Frage stellen, schließlich ist jeder mehr oder weniger von Strom abhängig, auch von Windstrom. Aber wenn es vor der eigenen Haustür steht, gut nicht ganz davor, naja in einem Kilometer Entfernung, also fast zwei, dann ist so ein Windrad auf einmal dermaßen gefährlich, dass man unbedingt daran sterben muss und zwar schnell und grausam. Die Argumente der Windradgegner sind so zahlreich wie hanebüchen. Noch dazu müsse hektarweise Wald gerodet werden. Interessanter weise sind es die gleichen Leute, die einen zweiten Autobahnzubringer fordern und selbstverständlich, der geht auch durch den Wald und ja, hektarweise, aber alternativlos.

Zeit zum Nachdenken

Alle Gegendenker und gegen Dafürdenker haben jetzt mal ausgiebig Zeit über ihren Standpunkt und seine Festigkeit nachzudenken. Immerhin Kurzarbeit oder gar keine Arbeit. Eventuell aber doch Telearbeit, das funktioniert jetzt, teilweise bestens, vorausgesetzt Strom und Internet sind da. Heist aber jetzt Homeoffice. Und dann doch viel mehr Freizeit, weil keine Fahrzeit, also Denkzeit oder Bedenkzeit, da kann was bedacht werden. Was brauchen wir wirklich? Die Ansendederweltreise? Nein! Eine Vermaledeitekreuzfahrt? Nein! Apre-Skizirkus? Nein! Und dazu noch mal Nein! Nein! Nein! zu den vielen anderen Entbehrlichkeiten. Kommen wir damit zurecht? Das werden wir lernen und wir werden es vielleicht sogar für gut befinden. Gut, dass wir nicht jede freie Minute mit Ablenkung und Umweltsünden verbringen müssen.

Das nimmt überhand

Meinte neulich eine Passantin angesichts des zunehmenden IBEIK-Verkehrs auf malerischen Nebenstraßen. Ja, das darf es, das soll es. Bewegung daheim! Nicht schlecht. Und nein, das Recht auf Alleinbenützung des Wanderwegs ist nicht durchsetzbar. Mehr IBEIK, auch Corona zu verdanken, verbunden mit einem IBEIK-Boom. So wie man das Telefon für die Italiener erfinden musste, hat man das IBEIK für den Bayer-Böhmerwald erfunden. Und ich sage dir eins: Ich habe schon das zweite IBEIK, das erste ging leider kaputt, bergab, gelenkt von einem Iren, wohnhaft in Amerika. Ich hab's betrauert. Aber es hatte eh nur 350Ah Akku und das ist wahrlich nicht viel und Akkus lassen nach. Nun habe ich 500 Ah und einen Reserveakku. Das IBEIK eröffnet ganz neue Blicke auf unsere Heimat.

Bratwursttrauer

Aber um die Bratwurst am Christkindlmarkt ist schon schad. Man muss sich ja mal vorstellen, wie viele Schweine und Krautköpfe dem Adventgenuss zum Opfer gefallen wären. Auch Glühwein und Punsch. Was machen diese Schweine jetzt? Fressen sie Krautköpfe? Vielleicht wird man das Coronadesaster einmal in Märchen packen. Gebrüder Grimm junior. Gut, der Senf ist haltbar, den kann man also in künftigen Jahren auch noch verwenden. Aber die Sau wird dann zu alt für saugemäße Verwendung sein und das Sauerkraut schimmlig. Trotzdem sorgt sich die ganze Welt um Impfstoff und nicht um Bratwürste und Sauerkraut. Dabei schmecken Bratwurst und Sauerkraut allemal besser als Impfstoff. Dann muss der ja auf minus saumäßigkalt heruntergekühlt werden und das jagen sie dir dann in die Vene.

Und die Moral von der Geschicht

Jederfrau freut sich drauf, dass die Pandemie endlich vorbei ist und vermutlich wird dann die Natur extrem leidtragen und um den heurigen staaden Advent möglichst gründlich zu vergessen, wird es nächstes Jahr einen Turboadvent geben, mit Kilometerbratwurst und der Senfberg wird abgebaut. Dabei hat das Staade so was schönes an sich, denn das Staade hängt nicht an Glühweinständen herum und muss nicht maximalbespaßt werden. Es kommt viel lieber mit viel weniger aus. Aber können wir das überhaupt ertragen? Immerhin ist Stille ein Weg in sich selbst und wer mag da hin? Wer weiß, was man dort finden würde. Das könnte durchaus das Leben aus dem Gleis werfen. Aber ist es nicht eh das verkehrte Gleis? Das Gleis in die falsche Richtung? Ach so, hauptsache der Zug rast dahin, egal wohin. Ja, so sieht es zumindest aus. Ein großer Teil der Menschheit auf dem falschen Gleis im ICE-Modus. Hochste Zeit für eine Weichenstellung.

Missbrauch

Und seine Vielfalt

Die katholische Kirche! Natürlich. Die erste Antwort auf die Frage von Missbrauch. Und in der Tat ist das ein Skandal mit vielen Schuldigen und es sind nicht nur die Haupttäter, die natürlich zu allererst, aber die Anklagebank ist lang. Das hört schon mal damit auf, dass der Anteil Homosexueller im Klerus auffällig hoch ist. Damit aufhören? Ja freilich, denn das muss ja einen Grund haben. Dessen trauriges Ende ist leider das Sexualverbrechen an Minderjährigen. Alles zweigeschlechtliche Leben ist darauf programmiert, sich gegenseitig dermaßen anzuziehen, dass der Fortbestand gewährleistet ist. Wie die Natur beweist, bring sie auch gleichgeschlechtliche Anziehung hervor. Homosexualität. Wobei der Drang hier nicht weniger ausgeprägt ist, jedoch über Jahrhunderte als abartig und Gott ungefällig zur Sünde erklärt wurde. Interessanterweise ausgerechnet von Klerikern, die mit einigermaßen Wahrscheinlichkeit ebenso homosexuell waren, wie die Beschuldigten. Und nach wie vor bietet die katholische Kirche Homosexuellen einen sicheren Hafen mit optimalem Missbrauchspotential.

Dass die Kirche sich bis heute nicht wirklich über dieses Thema traut, lässt zwei Schlüsse zu. Erstens will man die vielen Homosexuellen im Klerus schützen. Praktisch Selbstschutz. Zweitens weiß kein Kleriker, wie man das Problem lösen soll. Immerhin geht es ja beim Zölibat um Mann und Frau und nicht um Mann und Mann, folglich keine Einschränkung. Außerdem spielt bei Mann und Mann das Thema Verhütung höchstens im Bezug auf Aids eine Rolle. Der Franzose Frederic Martel hat in seinem Buch "Sodom" jüngst ein kaum zu ertragendes Bild des Vatikan gezeichnet, aber leider ist es wahr. Unterdrückte Homosexualität ist dann ein Problem, wenn sie nicht mehr im Zaum gehalten werden kann und das scheint viel zu oft der Fall.

Aber das ist nur eine Seite des Missbrauchs, wenn auch eine sehr scheußliche. Jeden Tag rasen zigtausend Sprinter durch's Land, um unsere Pakete abzuliefern. Frei Haus Zustellung, kostenlose Rücksendung. Beides zahlt nur zum Teil der Versender. Wenn man eine Knopfzelle zum Preis von 1,99 € frachtfrei bestellen kann und sogar mit kostenloser Rücksendung, dann zeigt das nur eins: Das System ist maximal pervertiert. Selbst wenn der Einkaufspreis der Knopfzelle nur 0,10 € beträgt, was bitte schön soll mit den restlichen 1,89 € an Sendung und Rücksendung abgegolten werden? Dieses ruinöse Spiel wird auf dem Rücken der Paketboten ausgetragen. Wenn der Paketbote um 21:00 Uhr klingelt, dürfte die reguläre Arbeitszeit bei weitem überschritten sein, aber der ist ja selbständig und an keine Arbeitszeit gebunden. So läuft Sklaventum heute, so werden Menschen missbraucht. Wie viel Zeit der Erbarmungswürdige mit seiner Familie verbringt, besser gesagt: wie wenig, ist an fünf Fingern abzuzählen. Und was ihm am Monatsende bleibt, ist in der Regel ein schwarzes Loch.

"Ist denn das nichts, wenn die Frau 450 € am Monatsende heim bringt?" So klang es vor Corona an Stammtischen. Und die Antwort auf diese Frage kann nur lauten: Ja! Es ist nichts. 450 € Jobs sind Sklaverei. Wer sich damit eine Altersversorgung aufbauen will: Viel Erfolg! Nein, "kein Erfolg!", denn das wird nicht funktionieren. Es darf 450€ Jobs geben, aber nur für eine bestimmt Bevölkerungsschicht: Studenten und Rentner. Bei Letzeren ist es leider erforderlich, weil die Rente vielen zum Leben nicht reicht. Studenten können sich damit das Studium cofinanzieren und/oder die Reisekasse füllen. Aber die geldbedürftige Hausfrau braucht einen regulären Job und keinen Hungerlohn. Wäre mal interessant zu untersuchen, wie viel die Erfinder der Minijobs je Stunde verdienen.

Gerhard Schröder hat mit seiner Agenda 2010 die soziale Marktwirtschaft dem Turbokapitalismus zu Fraß vorgeworfen. Es spricht nicht für die SPD, dass dieser Herr Schröder immer noch Mitglied ist und nicht hochkantig rausfliegt. Und sich heute als GazProm-Magnat zur SPD zu äußern ist schon ziemlich dreist. Aber die SPD ... was will man da noch sagen. Sie ist so verstaubt wie die Genossinnen und Genossen. Irgendwie museal. Dabei wäre genau diese Partei dazu aufgerufen, für gerechte Löhne zu sorgen und den Turbokapitalismus einzudämmen, aber bestimmt nicht, ihn einzuführen. Daran wird sie wohl zugrunde gehen und das leider mit Recht.

Last and Least die Umwelt. Sie ist aktuell das größte Missbrauchsopfer. Wie sich der Umweltfrevel in den letzten vierzig Jahren entwickelt hat, erinnert schon an Selbstverstümmelung. Wie schön war das damals in den 80ern, als man sich Volltanken endlich leisten konnte. Und die Adria der Flugfernreise auf die Balearen wich. Weiter, schöner, teuerer lautete das Motto. Wer imponieren wollte, reiste um die halbe Welt. Mit der Nachfrage wuchs das Angebot und der Wettbewerb. Billigflüge ans Ende der Erde. Kreuzfahrten auf Riesenpötten und natürlich mit Schweröl. Immerhin kann man da das eben ausgewechselte Motoröl und das Frittösenfett noch mal genießen. Der Fortbewegung half das, der Umwelt nicht. Sie wurde zunehmend leidtragend. Kippende Seen da und dort, stinkende Flüsse, Plastikinseln im Pazifik. Ein Himmel voller Kondensstreifen. Und dann schlug das Klima zurück. Spielte immer öfter verrückt. Gletscherschmelze, Grönland wird Grünland, leider nicht schön. Freilich gibt es immer noch Klimaleugner, wie es auch Reichsbürger gibt und andere Ewiggestrige und Realitätsverweigerer. Doch die halten die Entwicklung nicht auf, sie ignorieren sie bloß.

Und das Fazit? Der Mensch reagiert erst, wenn es eigentlich zu spät ist. Das ist dumm, denn selbst wenn es nur fast zu spät ist, wird es extrem schwierig. Aber so ist der Mensch nun mal. Zunächst mal ignorieren, dann dementieren, dann lamentieren, erst dann reagieren.

Das siebte Gebot

Das Eigentum der Anderen

"Du sollst nicht stehlen", so schreibt es das siebte Gebot vor. Wenn man sich die zehn Gebote vornimmt, so wird man feststellen, dass Umwelt und Klima darin keine Rolle spielen. Und so war das auch, denn die Gebote wurde so etwa 4000 Jahre vor unserer Zeitrechnung von Moses verfasst, ob jetzt mit oder ohne Gottes Diktat, das lassen wir mal dahingestellt, denn eigentlich würde man auf ziemlich ähnliche Formulierungen kommen, müsste man das Zusammenleben der Menschen in zehn Paragraphen regeln. Aber wir sind halt immer recht schnell mit Göttlichkeit bei der Hand, wenn wir Kirche heißen. Da Moses ein Kind seiner Zeit und mit begrenzten Jahren war, spielte für ihn Klima tatsächlich keine Rolle. Dass Menschen es verändern könnten, war damals unvorstellbar. Gott hätte es als zeitloses Wesen gewusst. Aber selbst wenn Gott dieses elfte Gebot der Liste hinzugefügt hätte, wäre es Moses Rotstift als irrelevant zum Opfer gefallen. Das wäre so, als müssten wir heute festscheiben, ob im Weltraum Rechts- oder Linksverkehr herrschen soll.

Allerdings könnte es schon sein, dass Klimaschutz in den Regelbereich des siebten Gebotes fällt. Dazu müsste man erst mal den Begriff "Diebstahl" definieren. Das ist einfach, sagst du: Wenn ich dem anderen etwas wegnehme, was ihm gehört. Also das Auto, das Vermögen, die Frau, nein, die nicht, die fällt unter das sechste Gebot. Nun müssen wir "Wegnehmen" definieren. Wegnehmen ist zunächst mal die physische Entwendung. Wie aber, wenn ich das indirekt mache, indem ein Pharmakonzern einen Landwirt in den Ruin treibt und ich Aktien dieses Pharmakonzerns habe und die ganzen Jahre kräftig an den Methoden dieses Konzerns verdient habe? Das Geld des Landwirts wanderte also an den Pharmakonzern und damit auch in meine Tasche. Bin ich also an diesem "Diebstahl" beteiligt. Da stellt sich natürlich erst mal die Frage, ob denn das überhaupt Diebstahl ist? Wer hat den Landwirt gezwungen, den für ihn letztendlich desaströsen Weg einzuschlagen? Angenommen, der Pharmakonzern wirft ein Auge auf den Acker des Landwirts und überlegt mit großem Beratungsstab, wie man denn daran gelangen könnte. Der Stab ersinnt die perfidesten Pläne. Hat der einzelne Bauer da eine Chance? Wohl eher nicht. Ist dieser geplante Ruin eines Landwirts nun wirtschaftliches Risiko oder sind wir da bereits im Bereich des Diebstahls? Und da genau liegt der Vorteil der zehn Gebote, die müssen nicht wie ein Gesetz interpretiert werden, denn die oberste Instanz ist die Moral.

Und wie liegt das beim Klima? Wenn ich das Klima schädige, schade ich damit der gesamten Menschheit. Das ist die neue Dimension, die wir mit der aktuellen Population bei fast 7 Milliarden erreicht haben. Wir sind ein klimarelevanter Faktor geworden und die eigene Unmäßigkeit führt in der Regel zum Schaden anderen. Aber was heißt hier "Unmäßigkeit"?  Nun, es geht um den Verbrauch von Ressourcen und um die Schädigung anderer. Eine lebenswichtige Ressource ist die Luft, wäre ich in der Lage, der Luft den gesamten Sauerstoff zu entziehen, würden alle Menschen sterben. Wäre das Diebstahl? Aber ich entziehe der Luft nicht allen Sauerstoff, sondern reichere sie mit CO (Kohlenmonoxyd) und CO2 (Kohlendioxyd) an. Ich "bereichere" die Luft also. Nur wird die Atmosphäre dadurch zum Klimakiller und verschlechtert die Lebensbedingungen vieler Menschen. Auf einen ganz einfachen Nenner gebracht stehle ich durch den Ausstoß von Treibhausgasen anderen Menschen also die Lebensqualität. Im Grunde kann man also feststellen, dass jeglicher Ressourcenverbrauch und jegliche Atmosphärenbelastung unserem Klima weiteren Schaden zufügen. Folglich ist jedes Übermaß als Sünde zu bewerten, ein Verstoß gegen das siebte Gebot. Denn Diebstahl kann man nicht auf die direkte Entwendung begrenzen, sondern muss man auch auf die Entwendung von Lebensgrundlagen erweitern. In dieser Hinsicht hat die katholische Kirche noch einen weiten, einen sehr, sehr weiten Weg vor sich.

Es ist das eine, sich gönnerhaft der Flüchtlinge anzunehmen, aber selbst da sind wir eher für Abschottung bis zum Ertrinken im Mittelmeer, das andere aber wäre es, sich der Versündigung an der gesamten Menschheit zu bekennen, indem wir weit über dem erträglichen Niveau leben. Indem wir zur Imageaufpolierung einen 6-Zylinder fahren und die Urlaubsreise selbstverständlich weit und mit Flug sein muss. Wie erbärmlich ist das? Als könnte das einen Kleingeist auch nur um einen Zentimeter größer machen. Solange wir uns mehr von der Welt nehmen, als uns zusteht, stehlen wir und solange verstoßen wir gegen das siebte Gebot. Denn die Welt ist unser aller Eigentum und damit auch das Eigentum der 7,8 - 1 Milliarden anderen.

EFFEKTIVITÄT TO GO

Wie man eingesparte Zeit totschlagen kann

Gemütlich auf einen Hügel steigen, die Einladung der aussichtsreichen Bank annehmen, den Blick in die Ferne schweifen lassen, das Denken eine Weile sein lassen, den Wolken hinterherziehen. Hirn auf Leerlauf, Parkposition, Motor aus. Trauen wir uns das noch? Muss nicht jede Bewegung effektiv sein, den Körper möglichst effektiv trainieren. Wenn schon gehen, dann Powerwalk, mit Kopfhörer und dem aktuellen Podcast. Im Auto ständig auf B5-aktuell, im Reißverschluss ein Auto überspringen. Zeit maximal ausnutzen. Zeit sparen! Wozu? Um Zeit zu haben! Wofür?

Oh ich maße mir nicht an, die Wichtigkeit fremder Zeit zu beurteilen. Zeit rinnt dahin, immer im gleichen Maß, nur gefühlt schneller oder langsamer. Schneller beim Genuss einer Käsesahnetorte und bei Zahnweh mit Maximaldehnungsfaktor. Aber von außen betrachtet immer gleich, immer tick - tack - tick - tack. Auch die noch so langweilige Predigt vergeht im tick - tack - tick - tack. Ebenso die Pulverschneeabfahrt. Tick - tack - tick - tack schreitet unsere Zeit dem Ziel entgegen.

"Ich muss mit dem Flugzeug nach Berlin. Der Zug? Viel zu langsam, kann ich mir nicht leisten. Die Zeit: zu kostbar für Züge." Die schönsten Zugfahrten waren meist die längsten, wenn man Zeit hatte sich im Abteil kennenzulernen, Reisebekanntschaft. Gespräche auf dem Gleis von A nach B mit Nimmerwiedersehngarantie. Das machte es aus. Mitreisende erfuhren Dinge, die man dem Nachbarn nicht anvertraut hätte, Mitreisende, umständehalber zur Verschwiegenheit verdammt. Leider vorbei, keine Zeit für Reisetherapiegespräche.

Notebookstrom und WLAN machten die Waggons zu Büros. Seitenblickdichte Monitorfilter, Kopfhörer, Maximalabschottung. Der Job verlangt's, die Karriereleiter. Maximale Karriereaufsteilung durch Permastress. Und nach 90°: Absturz in die maximalernüchternd erfahrbare Entbehrlichkeit. Posten gestrichen, Posten schon wieder besetzt. Nein, keine offenen Fragen, alles bereits geklärt. Nein, die Neue hat das alles umstrukturiert, große blaue Papiertonne! Tja, man weiß doch, wie das läuft. Auf einmal Zeit für Mitreisende, die keine Zeit haben. Dringender Eisenbahnfernreisetherapiegesprächsbedarf. Alle abgeschottet, zu wichtig für Reisebekanntschaft. Seitenblickdichte Monitore.

Ein Bussard zieht seine Kreise. Genießt er die Thermik? Sanft streichen die Windwogen über das lange Gras. Die Sonne wandert nach Westen. Aus der Ferne sind die Autos langsam. Es wird kühler. Zeit für den Rückweg. Zwei Sandspuren säumen einen Grasstreifen, die Häuser werden größer, die Vielfalt des Lebens dringt ans Ohr.

 

Wahlmanipulationsmaschinen

Warum Trump doch recht haben könnte

Amerika hat gewählt und Trump versteht sein Land nicht mehr. Wie auch? Immerhin hat ihm das Land vor vier Jahren (warum auch immer) das Präsidentenamt wie Lorbeer um seine narzisstische Stirn gekränzt und ihn damit gottgleich gemacht. Und einen Gottgleichen wählt man nicht ab sondern wieder. Für Trump kam etwas anderes überhaupt nicht in Frage. Trump nicht mehr zu wählen ist dermaßen unerhört, dass der Himmel über dem Weißen Haus im Dauergewitter erzittert. Nachdem den zigausenden Wahlhelfern keine Manipulationen nachgewiesen werden konnten, kommen nun die Zählmaschinen in den Fokus des Selfmadegottes. Natürlich, die Wahlmaschinen, warum kam da noch keiner drauf? Ist doch ein Leichtes, sie zu manipulieren. Aber das tat keiner. Wie kann es sein, dass niemand daran dachte, die Wahlmaschinen zu manipulieren, damit Trump im Amt bleibt? Jeder mittelmäßige Diktator weiß, wie man das macht, aber der Herr Trump suhlte sich dermaßen in Selbstherrlichkeit, dass er schlicht und ergreifend darauf vergaß. Insofern sind seine Manipulationsvorwürfe an die Zählmaschinenhersteller berechtigt, also eigentlich Nichtmanipulationsvorwürfe. Aber vor welchem Gericht klagt man die ein? Genau das ist das Dilemma des Herrn Trump. Aus purer Selbstherrlichkeit ist er nun nicht mehr Gott und muss wieder Mensch werden, noch dazu ein übler. Schwierig. Und weil Menschwerdung seit Menschengedenken ein schwieriges Unterfangen ist, zögert sie Trump so lange es irgendwie geht hinaus. Aber die USA werden sich ihres GRÖPRAZ (größten Prahlers aller Zeiten) schon irgendwie zu entledigen wissen und wieder ein liebes, freundliches und nettes Land werden.

Inzidenzwert

Der Wert wird nicht rektal gemessen

Erst letzten Sonntag ließ ich mir meinen Inzidenzwert messen und er war verdammt hoch. An Gottesdienst überhaupt nicht zu denken, höchsten mit einem ordentlichen Kräuterschnaps und Wadenwickeln, Bett sowieso. Das kann ich dir sagen, wie ich meine Inzidenz wieder heruntergeschwitzt habe, das Bett klitschnass und ich auch zwei Tage, aber wie! Mittlerweile ist mein Inzidenzwert wieder auf normal, also ziemlich unter fünfzig. Und recht weit runter kommst du heute eh nicht mehr, weil ja diese Corona eingebürgert wurde. Oben, unten, links, rechts, hint und vorn Corona und wenn nicht mehr Corona, dann Covid. Und das ist ganz legal. Da hat unser Land sogar extra jede Menge Betten bereitstehen, damit sich die Corona hineinflacken kann. Ich weiß schon gar nicht mehr was ich bekommen soll und was nicht. Vielleicht soll ich doch eine Durchseuchung einnehmen, so ein zwei Tabletten am Morgen. Vermutlich gibt es die auch in Tröpfchenform. Mit Durchseuchung ist man halt immun und immun wäre nicht schlecht. Ich hab' in der ZEIT oder in der anderen Zeitung gelesen, dass der Bolsodings, also der regierende Pele von Brasilien selber schon komplett durchseucht ist und beim Donald Tweet ist es nach außen hin noch schlimmer. Was würde der Trump für eine prächtige Hupe abgeben, wenn man ihn vorne auf's Auto schrauben könnte. Da würden sogar die Doppelarschlöcher von der Überholspur flüchten, also die mit den zwei Auspufflöchern, die es immer schnell haben, weil sie sich langsam nicht ertragen. Die meinen alle, dass sie ihr Ego mit dem Gaspedal aufpumpen können. Wenn sie dann auch noch Covid im Blut haben, dann kann es sich wenigsten schneller verbreiten. Nein, die Welt ist wie sie ist und sie leidet an ihren Bewohnern. Siehst du, hier haben die Genderwahnsinnigen sicher nichts gegen das Weglassen der "Innen" einzuwenden. Das ist ihnen nur bei positiven Dingen wichtig. VerbrecherInnen, SteuerhinterzieherInnen, da werden die Genderforderungen unhörbar laut bis zur Verstummung. Wo sind sie denn jetzt, die InfiziertInnen und die TurbosprederInnen? Man könnte ja auch mal eine Inzidenzwertin messen. Aber da regt sich keine Genderin auf, wenn wir Männer den Inzidenzwert in unsere Reihen aufnehmen müssen. Der Wahnsinn, der Inzidenzwert, der Lockdown. Dabei sollte ein Anglizismus überhaupt kein Geschlecht haben. "Lockdown", wer kommt auf so eine Idee? Ich mein nicht den Zustand, sondern das Wort. "Ausgangssperre" heißt das auf deutsch und das würde durchaus jeder verstehen, aber wer will schon eine "Ausgangssperre" verhängen? Und noch dazu als Politiker. "Medizinischer Lockdown", das hört sich nach Maximallandesvater an, damit zeigt man Kanzlergröße. Und dann kommt die große Massenimpfung. Achtzigmillionen Spritzen für das deutsche Volk, damit es nicht an Corona eingeht, sondern an Impfkomplikationen. Die Russen testen schon, Nawalny hat den Impfstoff nicht vertragen, der hat auch die Variante für Reginekritiker bekommen. Also da könnte der Impfstoff noch so billig sein, dann würde ich der Russenimpfspritze mit angelegten Ohren und Maximalgeschwindigkeit davonfliehen. Was mich übrigens überrascht hat: Der Inzidenzwert wird nicht rektal gemessen, sondern am Computer.

Meister des Selbstbetrugs

Der Splitter im Auge der Kirche

Natürlich gebe ich dir Recht: Die katholische Kirche ist extrem konservativ. Es ist müßig, die lange Liste an Verweigerungen und Versäumnissen herunterzulitaneien, wenn doch jede Kritik wie Tropfen von einem Regenschirm abprallt. Irgendwann resigniert man und überantwortet die Lösung des Problems der Geduld der Zeit, die mit ihrem Zahn daran nagen möge oder ihn sich ausbeißen. Nein, die Kirche ist unbelehrbar wie ein sturer alter Grieskram. Sie scheint sich nach der guten alten Zeit zu sehnen, als sie den Menschen mit ewiger Verdammnis in die Hölle drohen konnte.

Aber eigentlich ist es nicht die katholische Kirche per se, da gibt es wohl viele Katholiken, die diese katholische Kirche gerne und ziemlich komplett umkrempeln würden, wenn sie denn dürften. Aber warum dürfen sie es nicht? Weil wir die Kirche institutionalisiert und die Gewalt an bezahlte Kräfte übergeben haben und wie das bei Institutionen landläufig üblich ist, hat die damit entstandene "Amtskirche" eine beachtliche Einendynamik entwickelt und die geschwisterliche katholische Kirche nach ihren Bedürfnissen und vor allem sehr hierarchisch umgestaltet. Der allmächtige Apparat der Amtskirche etablierte Rom als uneingeschränktes Machtzentrum, ob das nun einem Jesus aus Nazareth gefiel oder nicht. Das geht so weit, dass sich der oberste Leiter mit "heiliger Vater" anreden lässt, mag er auch noch so viel Leid in die Welt getragen haben. Nicht einmal Petrus hätte sich das angemaßt.

Oh ja, wir sind gut im Abgeben von Macht und Verantwortung und im dann machtlosen, sprich ohnmächtigen Kritisieren der von uns Bemächtigten. Das reduziert sich beileibe nicht auf die katholische Kirche, obgleich sie mangels Demokratie so schnell nicht in die Schranken gewiesen werden kann. Eine Laune des Schicksals, mit der sich die Amtskirche irgendwie am Sturm auf die Bastille vorbeigemogelt hat und auch den weitgehenden Untergang des Adels während des ersten Weltkriegs überlebte. So steht sie also noch, die katholische Bastille, wähnt sich als Sieger und auf ewig besiegeltes Machtzentrum, während die Fundamente aus dem Gebäude austreten und wie morscher Sandstein hinwegbröseln. Und was macht ein Monarch ohne Volk? Arbeiten hat er nie gelernt, wohl aber teuer zu leben. Eine gefährliche Situation, wenn das Volk die Bastille gar nicht mehr erstürmen muss, weil selbige ihr Schreckensszenarium eingebüßt hat. Selbst eine Exkommunikation verströmt nur mehr historischen Muff. Die meisten Mitglieder exkommunizieren sich selbst und es ist das Selbstverständlichste der Welt.

Ja, bei der katholischen Kirche wissen wir es genau, was not täte. Aber ansonsten glänzen wir mit einer kaum minderen Verweigerungshaltung. Am deutlichsten zeigt sich das beim Klimawandel, oder besser gesagt unserer Tatenlosigkeit bis hin zur bewusst schadhaftem, sprich sündhaftem Verhalten. Nehmen wir als Beispiel unseren Autowahnsinn. Da kaufen wir uns mit Attributen wie "umweltfreundlich" für teures Geld gutes Gewissen. Wohlwissend, dass ein Auto alles andere als umweltfreundlich ist und sei es noch so solar angetrieben. Ein Auto verbraucht deutlich mehr Ressourcen, als uns zusteht. Aber das rechtfertigen wir mit unserer ländlichen, sprich ÖPNV-fernen Wohnlage. Dabei könnten wir uns den öffentlichen Nahverkehr bis in jede Garage leisten, wenn wir unser Geld nicht in egoistische, sondern öffentliche Mobilität investieren würden. Aber es ist schließlich sauer verdient und das Auto gehört mir, was ich vom Bussitzplatz nicht behaupten kann. Dieser Gedanke vollständig zu ende gedacht, wäre das Ende des ÖPNV. Ihn zuzulassen würde vermutlich alle Verkehrsprobleme lösen. Wenn es nur so einfach wäre und der Autokauf eine Vernunftseinscheidung, gäbe es Sindelfing und Dingolfing nicht oder sie würden andere Autos bauen. Aber Autos sind Teil unserer Imagekampagne, da hat Vernunft keine Lobby. Und die Autobauer setzen alles daran, ein möglichst großes Teil in unserem Egopuzzle zu sein. Als die Kreditrahmen überstrapaziert waren, erfand man das Leasing.

Wenn es um ökologische Schmutzfinkereien geht, verstehen wir es sehr gut, mit dem Finger auf andere zu zeigen, auf die Kreuzfahrer, auf die Billigflieger, auf den Skizirkus, die Motorradfahrer, Spaßbootkapitäne, Klimaaufheizer, Umweltzerstörer. Das sind natürlich immer die anderen. Denn wir selbst, wir gönnen uns doch diese eine Kreuzfahrt, nur ein einziges Mal im Leben, das werden wir uns doch wohl verdient haben. Nein, wir haben dabei nicht auf Schweröl geachtet und ob das Schiff Abwassertanks hat. Man kann doch nicht jeden Tag die Welt retten. Freilich kann man darauf verzichten, nur sollte man es halt nicht, denn das Recht auf Luxus mit eigenem Geld hört dort auf, wo man anderen Schaden zufügt und mittlerweile wissen wir ziemlich genau, wann das der Fall ist. Trotzdem handeln wir wider dieses besseren Wissens, erteilen uns Ausnahmegenehmigung um Ausnahmegenehmigung. 

Wirken sie überhaupt noch, diese ganzen Egoshooter? Ist eine Reise ans Ende der Welt tatsächlich ein Premiumattribut? Zeigt ein Straßenmonster noch, dass man es drauf hat? Oder vielmehr, dass man sich weigert zu verstehen, sich gegen die Erfordernisse der Zeit stemmt? Ist nicht vielmehr der belächelte Ökoheini in Wahrheit der Sieger, der es schon viel früher kapiert hat als man selber? Und in Folge dessen an unserer Ignoranz und Selbstversessenheit verzweifeln musste. Wer also auf den Splitter im Auge der Kirche verweist, der soll sich vielleicht erst mal Gedanken um den Balken im eigenen machen. Aber freilich, nichts ist schwerer zu ändern, als der eigene Schweinehund. Und deshalb ist der Fingerzeig auf die Kirche so praktisch, weil es einem dann gar nichts angeht, weil ihre Verstocktheit ein hervorragendes Alibi für den persönlichen Kirchenabschied hergibt. Ein Freibrief. Aber was bleibt ohne Kirche? Was ohne Glaube? Wäre das nicht ein Verlust für die Welt, eine seelische Verarmung? Haben wir uns Religion nicht deshalb geschaffen, weil sie uns etwas gibt? Und sei es nur die Geborgenheit der Gemeinschaft, welche Kirche geben könnte. Oder der Weitwinkelblick aus der Egomanie heraus. Ja, das wäre eine schöne Aufgabe für eine Kirche. Nur leider haben wir es mit zwei Augenbalken zu tun und die sind schwer herauszubekommen. Während die Kirche der Höllendrohung verlustig umherirrt und sich mit der Rolle des Geringsten unter uns verdammt schwer tut, macht dem Ökoterroristen Mensch eine zunehmend renitenten Erde das Leben zur Hölle.

Untergang

Der Ausstieg der Kirche aus dem Abendland

Noch heute ist die Pille von der katholischen Kirche verboten. Aber wen interessiert das? Die Kirche hat vor lauter Schutz des Lebens übersehen, dass unser Planet ein bisschen an Überbevölkerung leidet. Eine Überbevölkerung, die vielen Menschen das Leben zur Hölle macht und auch sehr viele tötet. Aber das scheint der Kirche kein Problem zu sein. Von der Kirche verbotene Verhütung ist indes gelebte Praxis im Abendland. Es ist längst kein Geheimnis, dass in der Kirche überdurchschnittlich viele Homosexuelle Heimat gefunden haben. Nun ist Homosexualität keine Sünde, sondern eine Laune der Natur, aber sie war lange Zeit ein Verbrechen und so ganz vorurteilsfrei ist sie immer noch nicht. Die Kirche bot den Homosexuellen seit jeher eine Möglichkeit, unentdeckt zu bleiben, denn ein Priester hatte geschlechtslos zu sein. Und doch konnte das kaum einer. Man mag darüber uneins sein, ob die Übergriffe auf Kinder das begünstigten, was aber wenn der Zölibat zur Entartung der Sexualität führt, ob nun homosexuell oder heterosexuell, dann ist der Zölibat ein Verbrechen an der Menschlichkeit ersten Ranges. Daran heute noch festzuhalten und zu glauben, dass Sexualität eine Entfremdung von Gott sei, wo doch gerade sie neues Leben hervorzubringen vermag, kann doch wohl kaum Gottes Wille sein.

Was ist Gottes Wille? Jedes Mal, wenn ich die Milchstraße in ihrer ganzen Pracht sehe, was Dank des reduzierten Flugbetriebs jetzt viel öfter der Fall ist, komme ich aus dem Staunen kaum heraus. Dabei ist die Milchstraße nur eine von unzähligen Galaxien, mit unzähligen Sonnensystemen und eine unvorstellbaren Zahl von Planeten. Alles erschaffen von diesem Gott. Wie können wir uns da anmaßen, den Willen Gottes zu kennen? Wie sollten wir diesen Gott begreifen können? Wenn doch nicht mal sein kleinster Teil von uns erfasst werden kann. Und dann bilden wir uns ein, dass Gott Verhütung verabscheut, dass er keine Frauenpriester will, dafür aber den Zölibat. So verrückt wie überheblich. Sich anzumaßen, den Willen Gottes zu kennen, das ist Blasphemie in menschlicher Reinkultur. Aber genau das ist die gelebte Praxis der katholischen Kirche. Sie maßt sich an, Gottes Willen zu kennen. Das funktionierte auch, solange das Mittelalter Düsternis über Europa breitete. Doch mit der Aufklärung wehte ein neuer und menschenfreundlicher Wind über Europa und die Katholen schüttelten das katholische Sündenjoch ab. Die Menschen befreiten sich von der katholischen Moralvorgabe. Einer Moral, der sich die Kirche selbst nicht unterwarf. Die Gläubigenschar wurde dezimiert und sie wird es weiter. 

Noch immer wähnen sich die Kirchenfunktionäre im Besitz göttlicher Vollmacht. Begreifen sich als Zeugen Gottes. Erstaunlich, wenn man die Unfassbarkeit Gottes auch nur im kleinsten Ansatz erkennt. Wie kann man sich angesichts der unvorstellbaren Größe Gottes auch nur ansatzweise die Einsicht in den Willen Gottes anmaßen? Anmaßen kann man es sich schon, aber es hat was von Menschenverachtung und viel mehr von Gottesverachtung. Man muss sich nur anschauen, was im Namen dieser Anmaßung verbrochen wurde und wird. Es mag ja sein, dass es in Ländern, die den Weg der Aufklärung erst vor kurzem beschritten haben ein Erfolgsmodel ist, in Europa aber ist es der Weg in den Untergang. Denn Kirche muss glaubwürdig sein und sie muss sich an den Erfordernissen orientieren. Wenn sie sich diesen Erfordernissen mit Verweis auf die absolute Wahrheit verweigert, dann wird sie in Europa an der Gott in den Mund gelegten absoluten Weisheit untergehen.

Maschine frisst Welt

Warum wir an uns zugrunde gehen werden

Nicht mal ein Elektroauto ist umweltfreundlich, denn bei der Produktion wird jede Menge an CO2 freigesetzt. Das wird sich erst ändern, wenn ein E-Auto zu 100% aus Recyclingmaterial gebaut wird und die benötigte Energie regenerativen Ursprungs ist. Und wenn die benötigten Maschinen ebenso produziert wurden und das Gebäude in gleicher Weise errichtet. Aber da scheint mir der Weg noch sehr weit, vielleicht zu weit. Corona hat gezeigt, wie fragil das System ist, auf dem unser Wohlstand basiert. Noch graben wir tiefe Wunden in den Erdmantel, bohren in den Meeren, holen das Letzte aus unserem Planeten heraus. Damit haben wir nicht nur die größte Völkerwanderung der Erdgeschichte in Gang gesetzt, sondern auch das Klima verändert und nicht zum Vorteil.

Wir haben eine gigantische Maschine geschaffen, die uns maximalen Wohlstand ermöglicht. Nun, nicht allen, genaugenommen nur einem kleinen Teil der Menschheit, den Auserwählten und auch die werden weniger. Aber die immer weniger Auserwählten verstehen es sehr gut, die Maschine am Laufen zu halten, sie läuft sogar immer schneller. Was kurios ist, denn immer weniger Auserwählte sollten doch eigentlich in der Summe immer weniger brauchen, aber das tun sie nicht, denn ihr Verbrauch steigt, wie ihre Zahl sinkt und sogar noch stärker.

Die immer weniger Auserwählten schinden die immer mehr Unerwählten und die Erde immer stärker und erhöhen den Grad der Ausbeutung kontinuierlich. Da wir aber auf einer Kugel leben, hat alles seine Grenzen und wenn die Monstermaschine nicht gebremst wird, frisst sie auch den Auserwählten ihre Existenzgrundlage weg. Noch aber ist eine Drosselung inakzeptabel und noch wird immer sein, wenn nicht ein massiver Einschnitt kommt und der kommt. Sollten die Auserwählten zur Vernunft kommen, dann wird es sehr weh tun. Die Flugreisen, die dicken SUVs, die Skiurlaube, der Gartenpool, die gesamte Funarena, zu der die Welt Stück für Stück gemacht wird, das alles würde ein Ende haben. Und wer will das? Wer kann das? Wir haben es uns doch verdient. Also kommt es nicht zur Einsicht und damit zum Klimakollaps und der wird dem ganzen Luxus ein Ende bereiten und noch viel mehr. Dann wird es wirklich weh tun und die bewohnbaren Gebiete der Erde werden nicht sehr groß sein, bestimmt nicht für sieben Millarden Menschen. Und die Monstermaschine wird völlig wertlos sein, aber diese Erkenntnis ist dann wertlos, sie hätte früher kommen müssen. Früher, das wäre jetzt, aber jetzt ist die Monstermaschine leider alternativlos. Was soll man machen?

Abschied auf katholisch

Austritt einer Religion

Zugegeben, ich bin ein Fan von Charles Bronson. "Das Gesetz bin ich", "Chatos Land", früher glaubte ich, das könne ich ewig sehen und doch kann ich mir heute höchstens einen Bronson ansehen. Filme haben ich verändert, Bronson-Filme natürlich nicht mehr. Und das liegt jetzt nicht nur Full-HD oder gar 4K. Die Machart hat sich verändert und die Geschwindigkeit. Häufigere Kammerawechsel, kürzere Szenen. Aber nicht deshalb, der gefühlt höheren Geschwindigkeit unserer Zeit gerecht zu werden, es ist die Perfektion, die das Film-Genre verändert hat. Eigentlich wird alles ständig besser, das Klima mal ausgenommen. Die Autos werden besser, die Smartphones, aus dem Fernseher wurde Home-Entertainment und wir schauen uns Sendungen in der Mediathek zu jeder Zeit und an jedem Ort an.

Neues kommt in unser Leben, altes geht. Man mag den Walkman vermissen, der die Kassetten durcheiern ließ, bis sich das Band wieder mal um die Transportwalze wickelte. Zumindest war er besser als der Diskman. Aber MP3 hat unseren mobilen Musikkonsum total verändert und die -mans in das Museum verbannt. Ist die Welt dadurch schlechter geworden? Sicher nicht. Telefonieren ist nicht mehr verkabelt, man wundert sich nicht darüber, an nahezu jedem Ort der Erde per Handy telefonieren zu können, sondern über Funklöcher. Dabei ist das Handy vergleichsweise jung.

Alles ist stetig im Wandel. Der Wandel ist so sicher, wie das Amen in der Kirche aber gleichzeitig weit davon entfernt. Denn das Amen wähnt sich unverrückbar. Nicht das kleinste Jota darf verändert werden. Vermutlich ist die herrschende Gruppe der Fundamentalisten im römischen Politbüro der Ansicht, dass Gott sich nicht wandelt und somit jede Veränderung zum Bruch mit Gott führen müsse. Da stellt sich natürlich die Frage, in welchem Jahrhundert Gott erstarrte. Schwierig wird es vor allem dann, wenn es um die Person Jesu geht, der definitiv Veränderungen im Judentum wollte. Dass ein Paulus dann Jesus posthum verbog und verdrehte, bis die Lehre ihm, dem Spätberufenen in den Kram passte. Praktisch die erste radikale Reform des frischerfundenen Christentums.

Wer sich ein Bild von der Realitätsferne der katholischen Kirche machen will, werfe einen Blick auf das Kardinalskollegium. Manchmal denke ich mir, die könnten ohne weiteres noch an der Pest erkranken, wenn sich der Erreger in den altertümlichen Gewändern versteckt hat. In Rom werden Probleme diskutiert, die längst ausgestorben sind. Die Kirche ist das letzt große Feudalsystem und ausgerechnet Demokraten finanzieren es. Da sieht man einmal, welchen Groß- und Langmut die Demokratie hervorbringen kann.

Doch ohne Reformen wird selbst der geduldigste Demokrat einmal feststellen, dass seine Religion praktisch aus der Lebensrealität ausgetreten ist und höchstens noch musealen Ansprüchen genügt. Aber wie viele katholische Museen brauchen wir? Sicher nicht in jedem Ort, immerhin gleichen sie einander zu sehr. Eine Weile könnte es sogar noch Erlebnismuseen geben. Aber die Schar der Bestaunbaren wird wohl schnell schrumpfen. Gerade der todesängstliche Rückzug der Kirche aus der Coronagefahrenzone hat gezeigt, wie schnell sich die Amtskirche aus der Verantwortung verabschiedet. Immerhin gehören ja die meisten Seelsorger zur Risikogruppe, da darf man doch auf Verständnis hoffen. Nicht auszurechnen, wenn sich jemand infiziert, wenn zwei oder drei in Christi Namen versammelt sind.

Wenn aber eine Kirche in der Krise versagt, wann kann man dann auf sie zählen? Immerhin ist es ja nicht das erste Versagen, wenn man an das verheerende Schweigen während der Nazigreuel denkt. Wann darf man Antworten auf die Fragen der Zeit erwarten? Den vielfältigen Klimafrevel? Die Diskriminierung von Minderheiten? Die Eindämmung der Weltbevölkerung? Und, und, und ...
Es ist durchaus sehr wahrscheinlich, dass diese katholische Kirche den Anschluss gar nicht mehr schafft, dass es eine neue katholische Kirche braucht, die von unten her organisiert wird, nach demokratischen Gesichtspunkten. Die freilich nicht perfekt sein wird, aber viel perfekter als die multipel versagende von heute. Es braucht also den Mut der Basiskatholiken für einen Neuanfang und jeden Tag steigt die Chance für diesen Neuanfang durch den sukzessiven Austritt des veralteten Systems.

Wir haben gefragt

Die egoistische Überschreitung natürlicher Befugnisse

Mit dem Anstand, das ist so eine Sache, da hat wohl Jederfrau ihre Erfahrungen gemacht. Kann man Anstand an Regeln festmachen? Nicht mal Moses konnte das, also stieg er auf einen Berg und legte zehn Anstandsregeln fest. Wenn man sich die zehn christlichen Gebote aufmerksam durchliest, dann hätte es dafür weder eines Berges noch göttlicher Eingebung bedurft. „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut!“ Sehr einleuchtend, das Gebot würde es heute wohl auf Platz eins schaffen. „My home is my castle!“ Vermutlich war Eigentum noch nie zuvor so hoch im Kurs und so viel. Dabei stellt sich durchaus die Frage, wo Eigentum beginnt und wo es endet.

Neulich saß ich nach Rückkehr vom Gipfel eines wenig prominenten Berges in geselliger Runde vor einer gut erschlossenen Berghütte, als über den Hüttenweg vier dicke Benzinkutschen aus deutscher Nobelproduktion herangestaubt kamen. Als die motorisierte Gruppe die Hütte betrat, fragte ich rotzfrech, ob das denn legal sei. Worauf eine durchaus noch gehfähige Gruppenfrau meinte: „Wir haben gefragt!“ Und sie hätten ein schlechtes Gewissen gehabt, woraufhin ich ihr attestierte, dass das durchaus berechtigt sei. Hätten die herumspielenden Kinder gefragt, ob sie auf den Kühlerhauben Steinmännchen errichten dürften, hätte ich das genehmigt und eigenhändig unter den Deckstein einen Zettel geklemmt: „Sie haben gefragt!“

Während die einen also ihr frevelhaftes Tun mit der Sanktionierung einer vermutlich nicht genehmigungsberechtigten Person legitimieren, müssen sich die übrigen Wanderer geduldig von  Staubfahnen umwehen lassen. Denn was wäre das für ein Durchfahrtverbotsschild, wenn es von Wanderfaulenzern einfach hinweg gefragt werden kann. Der Mensch ist sich immer selbst am nächsten. Ob es nun um eine Kreuzfahrt geht, die man ja nur einmal im Leben mache und somit auch das Schweröl nicht zu verantworten habe oder bei einer Flugreise, weil ja der Platz im Flieger sonst leer wäre, wie auch auf dem Luxusdampfer.

Fragt sich nur, ob der Klimawandel sich von diesen Ausreden überzeugen lässt und ob er denn die Klimasünder am meisten treffen wird. Vermutlich nicht, denn Gerechtigkeit kommt beim Klimawandel nicht vor. Genaugenommen wird er ausgerechnet die am härtesten treffen, die ihn am wenigsten verschuldet haben und selbst dann noch werden die Klimabewahrer von den Klimasündern an den Grenzen empört zurückgewiesen. „Was erlauben sie sich!“ Und dem unverschuldet aufgezwungenen Elend überlassen.

Dass wir Industriestaatler in Sachen Umweltverbrauch deutlich über unseren Verhältnissen leben, dürfte mittlerweile allgemeine Zustimmung finden, ein paar Ignoranten ausgenommen. Der Klimawandel ist messbar im Gange. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre nimmt beständig zu und sorgt für eine wärmende Atmosphärenschicht. Insofern ist es schon interessant, wenn weiterhin nach neuem Öl und neuem Gas gesucht wird. Wenn die Käufer immer noch vor PS-strotzenden SUVs glänzende Augen bekommen. Wenn jetzt noch Kohlekraftwerke gebaut werden und Windräder verhindert. Wenn der Staat Fluggesellschaften rettet und Dorfbürgermeister Umgehungsstraßen fordern.

Aber man muss das alles der Planlosigkeit anlasten. Wie soll man auf Umgehungsstraßen verzichten können, wenn der öffentliche Nahverkehr vernachlässigt wird? Wie soll man den intrakontinentalen Flugverkehr auf ein veraltetes Schienennetz bringen? Wie soll man Windräder bauen können, wenn jedes noch so fadenscheinige Argument aus dem Hut gezaubert wird. Ja, wie soll sich etwas ändern, wenn Änderung nicht erwünscht ist. Nur lässt sich der Klimawandel durch Nichtstun nicht verhindern und schon gar nicht mit „Augen zu und durch“. Wie man jetzt schon an den Auswirkungen sieht, wird die Zeche jedes Jahr gesalzener. Vielleicht wird die jetzige Verursachergeneration das noch mit höheren Versicherungsbeiträgen abfedern können. Aber die nächste? Dabei haben die eh schon mit dem ganzen Atomschrott ärger genug aufgebürdet bekommen, ohne dass sie auch nur eine Kilowattstunde Strom davon bekämen.

Man kann es drehen und wenden wie man will, die aktuellen Erwachsenengenerationen haben schon verdammt viel Dreck am Stecken und immer noch fehlt es an Einsicht und noch mehr am Willen zur Mäßigung und Umkehr. Vielleicht wäre es anders, wenn Moses ein elftes Gebot zur Bewahrung der Schöpfung hinzugefügt hätte. Aber das war damals halt absolut kein Thema. Moses führte die Israeliten zu Fuß durch die Wüste, dabei wäre es mit SUVs wesentlich einfacher gegangen und mit ein paar Kreuzfahrtschiffen hätte Gott das Rote Meer nicht teilen müssen. Wäre das erdgeschichtliche Timing also um eine Nuance schneller gewesen, müssten wir uns nicht den Spiegel vorhalten lassen, sondern könnten mit zwei Zöpfen zornig gegen unsere Altvorderen aufbegehren und verzweifelt versuchen, deren fatale Fehler und Hinterlassenschaften irgendwie lebenswert zu überstehen.

Aber diese Option haben wir leider nicht. Sondern die bittere Pille des Verzichts liegt zum Schlucken bereit und es ist niemand da, dem wir unsere Schuld anlasten könnten. Ob es genügt, Flugzeuge mit sparsameren Triebwerken auszustatten? Autos in gewohnter Größe und PS-Stärke zu elektrifizieren? Das traute Heim in ein Home Office umzuwandeln? Wird und das alles den Verzicht ersparen? Den Luxus erhalten? Wären wir überhaupt bereit, der Nachkommen willen zu verzichten? Vielleicht sollten wir uns die Frage anders herum stellen: Wäre nicht so mancher Verzicht in Wirklichkeit eine Befreiung? Zumindest würde dann jeder Verzicht wesentlich leichter fallen. Wer einen hohen Berg erklimmen will, wird auf einen möglichst leichten Rucksack achten. Die waren Schätze des Lebens stehen bestimmt nicht in Garagen.

Rapunzel

Und sie lügten doch

"Rapunzel lass mir dein Haar herunter!" so spricht der Prinz und sie lässt ihren Zopf bis zum Prinzen hinab auf das dieser am Zopf emporklettere. Was die beiden oben gemacht haben bleibt im Dunkeln. Nach allgemeiner Erkenntnis wächst das Kopfhaar 0,3 Millimeter pro Tag. Wobei die Rapunzel im Turm wohl nicht immer optimal mit Speisen versorgt wurde, was das Haarwachstum gewiss beeinträchtigt. Lieferando gab es damals noch nicht, vor allem nicht in Türmen. Und weil wir schon beim Turm sind, die sind hoch. Aber wollen wir auch hier mal Gnade vor Recht ergehen lassen, so müssen wir doch von einer Mindesthöhe von acht Metern ausgehen. Also lautet die Gretchenfrage, wie alt Rapunzel gewesen sein muss, damit die Szene funktionieren konnte. Wenn also das Haupthaar - und von diesem ist auszugehen - am Tag 0,3 Millimeter wächst, dann sind das im Jahr  109,5 Millimeter. Runden wir also auf 11 cm auf. Für die erforderliche Kletterlänge dauerte es also 800 cm geteilt durch 11 cm bis Rapunzels Haar lang genug war. Der Prinz stieg folglich an ergrautem Zopf zu einer 72-Jährigen hinauf. Ich weiß auch nicht, warum das bis heute niemand nachgerechnet hat. Und jetzt sind wir mal von einem nicht allzu großen Turm ausgegangen und optimalem Haarwachstum. Rapunzels Alter könnt sich also durchaus noch nach oben verschieben. Da wird der Prinz aber Augen gemacht haben. Laut Märchen wurde Rapunzel schwanger, das hat was von Abraham und Sarah, wobei der alte Knochen ja auch schon mit Hagar im Trainingslager war. Letztlich ist das ein Ödipus-Komplex und mit solchen abstrusen Geschichten beschäftigten sich die Gebrüder Grimm und belogen ganze Kindergenerationen. Doch sie sind gestorben und leben nicht mehr heute.

Karfreitagsalternative

Die Unfähigkeit des Betens

Ostern 2020 wird wohl in die Geschichte als Ostern ohne Menschen eingehen. Karfreitag, Radtour auf dem Leinenradweg. Die Grenzübergänge zu Österreich verrammelt. Schengen? In Österreich wird gearbeitet, auf abgelegenen Höfen auch, ebenso auf weniger Abgelegenen. Nun ja, den Karfreitag als Feiertag haben wir eh nur den evangelischen Christen zu verdanken, sonst wäre bei uns auch Österreich und normaler Arbeitstag. Soll man den Karfreitag überhaupt feiern? Soll man den Tag, an dem wir der Hinrichtung Christi gedenken, eine Hinrichtung, bei der sich die Menschheit mit Blut befleckte, soll man diesen Karfreitag also tatsächlich feiern?

Aber die Menschheit hat von jeher getötet und sie tut es immer noch. Tausend Coronatote im Norden wiegen mehr als 8000 verhungerte Kinder im Süden, die es auch täglich gibt. Der Bundestag konnte sich neulich nicht dazu durchringen, Atomwaffen zu ächten. Atomwaffen töten, das ist ihr Zweck. Karfreitag in Scheidung. Da die Kirche, dort die Menschen. Die Kirche enthält den Christen Gott vor. Beten findet in der Kirche statt, Beten ist institutionalisiert, privates Beten wird nicht mehr unterstützt. Nach der Schule keine Unterweisung mehr für privates Beten. Das hat das Beten ausgedünnt. Soll mir keiner sagen, dass es keinen Grund mehr gibt für das Gebet. Vielleicht und Gott sei Dank sind viele Gründe anders geworden.

Gott ist nicht von der Kirche gemietet

Gott aber ist nicht in der Kirche eingesperrt, nicht im Tabernakel, nicht von der Kirche gemietet. Er ist Gott, überall und immer. Also ist er immer da, nicht nur am Sonntag, nicht nur die eine mehr oder weniger langweilige Stunde in der Kirche. Verständlicher weise bekommst du von der Kirche nur das zu hören, was dich an sie bindet. Das ist ja durchaus auch nicht verkehr, denn der Mensch braucht Riten und die Kirche hat sie im Angebot. Doch ist die Kirche nicht der einzige Weg zu Gott. Der private Weg zu Gott darf alles auf den Prüfstein stellen, den Müll von 2000 Jahren raustragen und dem Glauben auf den Grund gehen. Was glaubst du und was ist leere Glaubenshülse? 

Können 2000 Jahre Christentum irren?

Aber können 2000 Jahre Christentum irren? Natürlich. Auch 10.000 Jahre können irren und vermutlich auch 100.000 Jahre. Wie ist der Prunkt und Pomp, die Adelshierarchie der Kirche mit der Lehre Jesu in Einklang zu bringen? Menschen sind stolz und hochmütig, Menschen sind raffgierig und egoistisch. Aus diesen menschlichen Unarten erwuchs die Kirche in ihrer jetzigen Form, mit ihren Stärken und Schwächen und selbst der Papst hat weder Macht noch Kraft auch nur eine der Wurzelsünden auszureißen. Eine Ausgeburt dieser Überhöhung des Ichs resultiert auch darin, dass wir uns als Ziel Gottes definieren, also Gott einzig und allein für uns Menschen dazusein hat. Obwohl wir erdgeschichtlich betrachtet nur einen Augenblick existieren, da täte uns Bescheidenheit wirklich gut und wenn wir die ganze Schöpfung als Gottes Schöpfung betrachteten, wären wir zu deutlich mehr Sorgfalt im Umgang mit unserer Erde angehalten.

Kirche bietet Rituale

Ist also alles an der katholischen Lehre Quatsch? Nein, denn der Mensch braucht Rituale und diese Rituale leistet die Kirche. Quatsch ist es dann, wenn diese Rituale, Regeln und Vorschriften zu Dogmen hochstilisiert werden.
Religion muss den Menschen dienen, das ist ihre oberste Aufgabe. Religion als Wegweiser und Wegbegleiter zum Eigentlichen. Aber was ist das Eigentliche? Das Eigentliche ist der Kern des Lebens. Der innere Mensch, das ureigene Ich. Man darf es nicht überbewerten, nicht über andere stellen, denn wir sind zur Gemeinschaft berufen, obwohl wir alle Egoisten sind. Man muss leider auch erkennen, dass dieses innere Ich verletzlich ist (Missbrauchsskandale, nicht nur in der Kirche), dass es sogar unerträglich werden kann. Aber das eigentliche Ich zu suchen und zu erkennen, ist ein erster Schritt zur Erkenntnis Gottes, denn wir alle sind Teil dieses alles durchdringenden, alles seienden göttlichen Wesens.

Das Leben als Individuum

Nach der Zeugung wachsen wir zum Individuum heran, führen ein Leben in Distanz zu Gott und sind doch Teil von ihm. Wenn uns das Leben verlässt, werden wir wieder mit Gott vereint. Und Jesus? Er ging auch diesen Weg. Er war erfüllt von der Idee der Reinheit der Religion, eine Reinheit, zu der die Menschheit jedoch nicht taugt. Deshalb musste er sterben. Das Christentum ist dabei um keinen Deut besser, als das von ihm kritisierte Judentum. Religion kann nicht besser sein als die Menschen, das ist – so konnte man es sagen – ein Menschennaturgesetz.

Die Notwendigkeit der Veränderung

Muss man also alle Unzulänglichkeit als leider unveränderbar hinnehmen? Nein, das sicher nicht. So wie sich die Welt verändert, so verändern sich die Menschen und der Kirche wird auch nichts anderes als Veränderung übrig bleiben. Je länger sie sich widersetzt, desto gravierender die Veränderung. Folglich wäre es wesentlich klüger, Veränderungen zeitnah umzusetzen. Und bei allem Pessimismus muss man doch die positiven Entwicklungen erkennen. Immerhin bald 75 Jahre Frieden in Westeuropa. Wann gab’s das je? Immerhin geht die Zahl der Analphabeten ständig zurück. Immerhin wird die Ernährungslage immer besser. Immerhin bekommen wir immer mehr Krankheiten in den Griff.

Ostern 2020, ein Wachruf! Kirche! Mach deine Mitglieder bitte schön ein bisschen selbständiger. Beten kann man völlig allein. Macht euch also ein bisschen entbehrlicher. Aber mit dem Beten ist es wie mit dem Singen. Ein bisschen Anleitung macht das Ergebnis deutlich besser. Glauben im Alltag! Das wäre wohl ein passendes Motto.

Die neue Kirchenleere

Corona ermöglicht schon heute einen Blick in die reformverweigerte Kirche

Wenn Jesus damals schon gewusst hätte, was aus seiner Kirche wird, hätte er sich dafür kreuzigen lassen? Und es waren nicht nur die extrem düsteren Zeiten des Mittelalters, die man den Menschen erspart hätte. Die Kirche war immer eine Nehmende. Die Gläubigen, gerne als Schafe bezeichnet, waren ihr ausgeliefert und mussten sie ernähren. Dank Aufklärung sind wir heute frei, frei zu glauben und frei es ohne katholische Kirche zu tun. Frei, über Sinn und Inhalt von Religion nachzudenken. Frei, Bücher von Schriftstellern zu lesen, die von der Kirche die Lehrerlaubnis entzogen bekamen. Küng, Drewermann, Stutz. Intelligente Geister, deren Erkenntnisse über die Marmorpaläste des Vatikan hinausreichten, in sie nicht hineinpassten. 

Vom Herrschen zum Dienen

Will die Kirche überleben? Natürlich will sie das und zwar auf möglichst hohem Niveau. Aber wie soll das gehen? Je mehr Menschen der Kirche den Rücken kehren, umso reduzierter werden die Kirchensteuerzahler und umso weniger Politiker wird es geben, die dem Staat zumuten wollen, die Kirchensteuer einzutreiben. Der Tag X ist vermutlich nicht mehr allzufern. Und dann? Zunächst mal großes Heulen und Wehklagen über die vermeintliche Ungerechtigkeit. Aber ist es ungerecht, wenn einer Institution, die ein Feudalsystem gegen den Willen der meisten Mitglieder aufrecht erhalten will, die Unterstützung verweigert wird. O, es geht ja um die reine und unverfälschte Lehre! "Der Größte unter euch soll euer Diener sein!" Also wenn das dienen ist, was die Herren Kirchenfürsten Müller & Co. machen, dann muss man Dienen neu definieren. Ihr Verhalten mit der Forderung Jesu in Einklang zu bringen, wird selbst einem hartgesottenen Katholiken schwer gelingen.

Demokratie

Die Kirche von Morgen muss eine Kirche für Menschen in der Zeit sein. Also müssen die Menschen sehr viel Einfluss auf die Kirche haben. Das fängt mit einer demokratischen Struktur von unten bis ganz oben an. Wenn man sich mit der Geschichte der Päpste ein bisschen beschäftigt, dann kann der Heilige Geist oft nicht dabei gewesen sein. Sehr viele Entscheidungen haben sehr wenig mit göttlicher Fügung zu tun. Da findet man einige illustre Figuren und bemerkenswerte Korruption. Nicht der Papst sollte einen Bischof bestimmen, sondern der Diözesanrat. Auf allen Ebenen müssen Laien wesentlichen Einfluss haben. Das muss auch für den Vatikan gelten. Folglich gibt es keine deutsch Bischofskonferenz, sondern einen deutschen Katholikenrat. Der wählt seine Vertreter für den Weltkatolikenrat. Und der Weltkatholikenrat in Rom wählt den Papst. Eigentlich ganz logisch. Dann kann man endlich den Heiligen Geist aus seiner korrumpierten Rolle befreien.

Wer erfand Religion?

Es ist eine der Vermessenheiten unserer Kirche, dass sie alles, was vor ihr war als Heidentum hinstellt. Dabei muss man schon mal feststellen, dass der Monotheismus seine Entstehungsgeschichte in den Wüstenregionen des Südens begann. Im Norden gab es mehrere Götter. Es gab keine unterschiedlichen Regionen, weil jede Region für sich lebte, man also nicht sagen musste, ich bin Anhänger dieser und jener Religion. Die "Heiden" hatten was sie brauchten und sie brauchten einen Schutz gegen die zerstörerischen Kräfte der Natur, außerdem eine Brücke ins Jenseits. Denn als wir begannen abstrakt zu denken, begriffen wir recht schnell, dass unserem Leben ein Ende gesetzt ist. Und was dann? Alle Religionen haben die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt. Riten zur Besänftigung der Natur und die Schaffung eines Jenseits mit Weiterlebensgarantie. Die Religion garantierte Sicherheit und ewiges Leben. Durch Opfer kann man das Schicksal beeinflussen. Geld oder Gebet. Mehr brauchte man damals nicht, aber heute bräuchte es mehr.

Das neue Anforderungsprofil

Fitnessclubs, Wellnessoasen, Yoga, die Bandbreite ist riesig. Alles Dinge, die uns keinen materiellen Vorteil bringen, aber das Wohlbefinden steigern. Wobei viele Ersatzreligionen ausschließlich um den Körper kreisen und nur wenige das Geistesleben einbeziehen. Von der Kirche ein Fitnessprogramm zu verlangen, würde den Bogen überspannen und vermutich fehlte auch das Fachpersonal. Doch allein das Geistesleben ist so ein großes und braches Feld, dass die Kirche nicht auf ungewohntem Terrain wildern muss. Aber leider ist ihr auch die Fähigkeit abhanden gekommen, sich auf die Menschen einzulassen, so sie diese Fähigkeit in den letzten Jahrhunderten überhaupt hatte. Wer ein Problem lösen will, muss es verstehen. Wer die Welt verbessern will, muss sie kennen. Wer dem Menschen helfen will, muss ihn und seine Welt kennen und verstehen.

Das zweite Vatikanische Konzil machte einen großen Schritt in die richtige Richtung. Die Pfarrgemeindräte wurden gegründet, damit die Laien ihre Erfahrungen einbringen können. Es gab eine Zeit lang alle möglichen Veranstaltungen, Vorträge, Workshops, rhythmische Gottesdienste. Aber fast alles schlief wieder ein. Pfarrgemeinderäte als Geldsammler und Pfarrfestorganisierer. Die Euphorie des Mitredens am Klerus zerschellt. 

Die Zukunft

Eltern müssen den Kirchenaustritt ihrer Kinder akzeptieren, viele verstehen ihn auch. Sie hätten nicht mehr tun können. Je mehr Weit- und Tiefblick man ihnen ermöglichte, umso größer die Enttäuschung an der wunschfernen Realität. Das mag noch eine Weile so weiter gehen. Es ist halt immer eine Frage, wie viel an Zerstörung passieren muss, bis eine aussichtslose Verteidigungsposition aufgegeben wird. Und selbst dann wird es jene geben, die sich verhärmt immer noch im Besitz der einzigen Wahrheit wähnen. Dabei erkannte selbst Pilatus "Was ist Wahrheit?" 

Vermutlich würden wir alle ein staunendes Erwachen erleben, wenn alles, was heute als in Stein gemeißelt gilt restlos auf Wahrheitsgehalt und Christi Willen geprüft werden könnte. Rom würde dieses Erdbeben vermutlich nicht überstehen und die Adelshierarchie zu Staub der Geschichte werden. Dann müssen wir beherzt die Ärmel hochkrempeln und ganz neu anfangen.

Der Herdentrieb

Was Webcams mit Klopapier gemein haben

Dass die Deutschen Klopapier horten, ist schon kein Hinweis auf ein lustiges Völkchen. Ich mein, wenn man über das Ziel hinausschießt, hat man es schlicht und ergreifend verfehlt und nicht mit besonders viel Fleiß ins Schwarze getroffen. Wenn ich für eine Bergwanderung zwei Liter Wasser mitnehme, weil das aus Erfahrung reicht, dann werde ich wohl kaum vier Liter im Rucksack herumschleppen. Unsere Gesellschaft ist voll durchoptimiert. Komplizierte Logistiksysteme berechnen den Klopapierbedarf voraus und sorgen für ausreichend Bestand. Wenn, ja wenn da nicht das Hamstergen wäre, das jede Logistiksoftware aus dem Konzept bringt. Wenn den Systemen nicht schleunigst beigebracht wird, dass wir trotz Hamsterkäufe nicht öfter auf's Klo gehen, folglich die angelegten Vorräte lange reichen, dann dürfte in den nächsten Monaten ein ziemliches Überangebot herrschen. Es muss also unbedingt eine Panikfunktion eingebaut werden.

Wenn unsere Versorgung auf solche Verhaltensmuster vorbereitet sein soll, dann müsste logischer Weise von jedem Artikel ein Panikvorrat angelegt werden. Da wir sehr viele Artikel im täglichen Verbrauch haben, wären dafür ganz ordentliche Lagerkapazitäten erforderlich und ziemlich viel Kapital. Vom Klopapier bis zur Webcam. Denn das ist die neue Knappheit. Weil Arbeit seit kurzem daheim stattfindet und man weiterhin kommunikativ sein will, war der üblicherweise vorrätige Bestand an Webcams flugs vergriffen. In der Folge stiegen die Preise teilweise drastisch an. Das löste interessanter Weise keinen Shitstorm aus, das teure Klopapier im Dorfladen schon. So sind eben die Wertigkeiten. Außerdem zahlen ja die Firmen für die Webcams, also was soll's. Merke: Knappheitsbedingte Wucherpreise empören nur bei Billigartikeln oder bei privatem Geldbeutel. Dass es einmal eine Klopapierrationierung geben würde, haben wohl die wenigsten für möglich erachtet.

"Die Ausgangsbeschränkungen wurden weitestgehend eingehalten." Wow, so eine Meldung aus einem bayerischen Sender in den Hauptnachrichten. Ich habe mich ja schon oft über den praktischen Nutzen von "die Ausgangssperre in Kabul wurde weitgehend eingehalten" gefragt, worüber mich ebenselber Sender auf Dauerfeuer gestellt informierte, aber nun ist Kabul auf einmal in Bayern und du fragst dich, ob bei Verstößen eventuell ohne Vorwarnung geschossen wird. "Während der Ausgangssperre wurden letzte Nacht zahlreiche Schichtarbeiter erschossen."  Und wie lange würde uns so eine Meldung empören? Auf einmal wird den Nachbar zum Feind, wenn er die 150 Zentimetergrenze unterschreitet. Gestern noch Bussi Bussi und heute Abstandsregelung. Jeder Huster kann eine Massenpanik entfesseln. Wer nicht mithysteriert wird zum Gefährder.

Aber es hat auch was Gutes. Seit der C-Krise ertrinkt niemand mehr im Mittelmeer. Oder wird es nur nicht berichtet?

Seit der C-Krise gibt es keine Umweltprobleme mehr. Oder ist es auch nur der Mangel an Medieninteresse?

Die C-Krise hat sogar die Dauerführungskrise bei CDU und SPD beendet. Oder nur vergessen?

Sie wird vorbeigehen, die C-Krise und dann werden sie sagen: "Wie gut, dass wir so gut reagiert haben." Und sie werden ihre Maßnahmen mit der geringen Opferzahl rechtfertigen. Sie werden die Ausfälle in der Wirtschaft mit Geld ausgleichen, das sie nicht haben und aufgrund der Steuerausfälle auch nicht bekommen. Folglich wird es neues Geld sein, sehr viel neues Geld. Vielleicht wird das Finanzsystem kollabieren, aber dann wäre das zumindest der erste Totalcrash ohne Krieg und das hätte doch auch was sehr Vernünftiges. Denn dass ein System, welches auf ständiges Wachstum ausgelegt ist, periodisch wie ein Turm aus Bauklötzen in sich zusammenbrechen muss, wird wohl jeder verstehen, der die Erde als Kugel, folglich unwachsbar akzeptiert.