Kanzelschreiber

Altes muss gehen

Die Sinnlosigkeit des Festhaltens

Egal ob alte Begriffe, Volkstänze, Feldkreuze, Burgruinen, sie haben tragen das Stigma des Vergangenen. Man braucht sie nicht mehr. Vergehen schmerzt, denn es ist ein Abschied. Je älter man wird, umso mehr noch selbstgebrauchte Dinge gehen ins Vergessen. Jeder weiß, was sperrangelweit offen bedeutet, nur wenige, was eine Sperrangel ist. Die Sperrangel hat es damit geschafft, als Wort zu überleben, ohne ein vorstellbares Ding zu bleiben.

Als die Maschinen Landwirtschaft technisierten, wurden Holzgabeln und -rechen an die Wände genagelt, als unbrauchbare Zierde. Das wird mit den Mähbalken schon schwieriger, aber auch sie verschwanden. Wer verrichtet an einem Feldkreuz noch ein Gebet? Es steht halt da, erinnert manchmal an Menschen, an die sich niemand sonst erinnert. Auf dem Weg zu Friedhof erinnert ein Kreuz an meinen Ururgroßvater. Er verstarb dort. Kein Gesicht, kein Hinweis wer er war, wie er war. Keine fühlbare Verbindung zur Gegenwart. Und doch wird es in Stand gehalten, wie viele andere Kreuze. Traditionserhalt. Welche Tradition? Vielleicht hundert Jahre lang wurden diese Fabrikkreuze zur Erinnerung oder aus Gottesfurcht aufgestellt. Konnte ja nicht schaden.

Heute wird Energie für ihren Erhalte aufgewendet. Warum? Jeder Energieaufwand für Vergangenes ist eigentlich verschwendet. Es sei denn, die Zukunft kann davon lernen. Aber ein gusseisernes Feldkreuz im Nirgendwo. Was soll es uns sagen? "Sie glaubten einst, sich damit die Seligkeit zu erkaufen!" Wenig verwertbar. Ein historisches Gebäude ohne Nutzen für die Gegenwart und noch weniger für die Zukunft zu erhalten um Techniken zu konservieren, die weder jetzt noch in der Zukunft gebraucht werden hat nur dann einen Sinn, wenn man daraus irgend etwas Sinnvolles ableiten kann.

Was ist der Sinn der Denkmalpflege? Geht es um das Bewahren der Identität? Aber das wäre ein hoffnungsloses Unterfangen, denn nur Totes verharrt im Ewigen. Lebendiges wächst und verändert sich ständig. Die Kunst, einen Dachsparren mit dem Beil aus dem Stamm zu hacken ist Nostalgie. Man wird das nie wieder brauchen und hätten unsere Vorfahren Sägegatter gekannt, wären sie niemals auf diese umständliche Idee gekommen. Man kann aus dieser Technik heute keine brauchbaren Informationen ziehen. Das Spinnen am Spinnrad, das Pflügen mit dem Pferd, das Fällen eines Baumes mit der Langsäge, das kommt nicht wieder. Ebenso wie die vielen Volkstänze nur mehr Nostalgietraining sind. Sie haben ihren Zweck verloren.

Man lernt sich im Internet kennen, das braucht keine Tanzpartnerwechsel. Einen alten Baum mit viel Aufwand als Denkmal zu gestalten hilft dem Baum nicht und nicht der Gesellschaft. Alte Bäume wird es immer geben. Eisenbahndenkmäler zu errichten ist Nostalgie, hat aber keinen praktischen Nutzen, weil es weder den Zug zurückbringt, noch eine verwertbare Information vermittelt. "Hier war mal ein Bahnhof!" Und? 

Da müsste man ja alles Gewesene in irgend einer Form verdenkmälern. Das würde alle Schaffenskraft in Anspruch nehmen, so dass Zukunft nur mehr Erinnerungserhaltung wäre. Keine lohnenswerte Vorstellung. Was ist besser? Altes zu erhalten? Oder neues zu schaffen? Beides zu wollen ist keine realistische Option. Insofern ist es gut, dass diese Aufgaben in unserer Zeit aufgesplittet sind. Die Einen widmen sich dem Vergangenen, die anderen Blicken in die Zukunft. Während erstere gern der Wehmut anheimfallen, tragen letztere stets Hoffnung und Euphorie in sich. Und womit ist Zukunft besser zu bewältigen?

Borki im Blutrausch

Über die besten Käferbedingungen aller Zeiten

Leicht hast du es als Borkenkäfer nicht, besser gesagt hattest. Findest du eine Fichte und versuchst für deine Kinderstube einen Lebensraum zu schaffen, presst der Baum einen Tropfen Harz auf dich und dann war's dass. Du musst schon arg flink sein. Deshalb suchten wir uns am liebsten kranke und schwache Bäume, deren Lebenssaft versiegt war. Das half zwar dem Baum auch nicht mehr ins Leben zurück, aber so konnte er wenigstens noch weiteres Leben ermöglichen. Ganz nebenbei bereiteten wir damit den Grund für viele weitere Waldbewohner. Wenn ausreichend alte und kranke Bäume da waren, konnten wir unseren Fortbestand so einigermaßen sichern. Freilich gab es immer wieder Zeiten mit heftigen Stürmen oder längeren Trockenperioden, aber das Gegenteil traf ebenso ein und dann starben wieder Millionen Artgenossen und wir mussten sehen, wie es weiter geht. Es ging weiter und so gibt es uns heute noch.

Die Menschen hatten wir gar nicht im Visier, sie hatten keinerlei Bedeutung für uns, nicht mal als sie anfingen, Bäume zu schlagen. Die Menschen interessierten sich nur für gesunde Bäume. Lebewesen, die gesunde Bäume umbringen konnten keinen besonders langen Bestand haben. Die Natur braucht keine Spezies, die ihr schadet und wird sich ihrer über kurz oder lang entledigen. Dazu hat die Natur ein breite Spektrum an Möglichkeiten. Sehr gern bringt die Natur neue Krankheitserreger ins Spiel. Aber die Menschen erwiesen sich als sehr resistent und richteten immer mehr Schaden an. Zerstörten massenhaft intakte Ökosysteme und wühlten die Erde um, was immer sie dort suchten.

Ganz nebenbei stieg ihr Bedarf an Holz und sie machten sich über die riesigen Wälder her. Da schwante uns Böses. Als die Wälder dünn wurden begannen sie mit dem Pflanzen neuer Bäume. Warum sie dazu lauter gleiche Bäume und noch dazu welche aus anderen Klimazonen verwendeten, konnten wir nicht begreifen. Alles muss im Gleichgewicht bleiben, so war es immer schon. Wir wussten sehr gut, dass unsere Spezies nicht in der Lage ist, die Population zu begrenzen. Je mehr kranke Bäume es gibt, umso stärker vermehren wir uns, das hatten wir bei jedem größeren Sturm erlebt. Aber auf jeden Lebensrausch folgte mit tödlicher Sicherheit der Beinaheuntergang. Und nun machte sich der Mensch daran, massenhaft hochgefährdete Wälder zu pflanzen, eine Katastrophe. Sie wurde noch schlimmer, als der Mensch sich explosionsartig vermehrte und in der Lage war, das Klima zu verändern. Es wurde wärmer und die ungeeigneten Bäume wurden noch ungeeigneter und erkrankten der Reihe nach. Die Stürme wurden stark und stärker. Orkane fegten die sorgsam angelegten Fichtenwälder der Menschen zu Boden und bereiteten uns ein schlaraffenhaftes Festmahl

Wir wurden zahlreicher und zahlreicher, wir explodierten schier und fraßen was wir fressen konnten. Es schien nie zu enden. Waren wir mit einem Hügel fertig, krankte der nächste. Die Bäume konnten sich nicht mehr wehren, Trockenheit und Stürme hatten sie für uns zubereitet. Noch scheint der Zenit nicht erreicht und doch kommt er. Noch werden wir immer mehr und immer gefräßiger, aber das Ende der Menschenwälder ist zu sehen und dann? Ja dann kommt das größte Borkenkäfersterben an das man sich erinnern wird.Zu Milliarden werden wir elendig verhungern. Weil wir es nicht gelernt haben, uns zu mäßigen, weil das die Evolution vor dem Auftauchen des Menschen als unnötig erachtete. So werden die Fehler des Menschen unser Untergang. Und niemand wird uns als einstmals nützlich in Erinnerung behalten, sondern nur als grausame Plage, die dem Wald seinen Nutzen raubte. Nein, nicht seinen sondern ihren, der Menschen.

Verweigerung

Die Ignoranz des Absturzes

Großer Schock: Notre Dame brennt! Immerhin schon besucht und beeindruckt. Aber eigentlich nur Hirnsouvenir, irgendwie noch ein Gefühl, wie es war, in der Kathedrale zu stehen. Beten? Nein, da betet keiner. Zum Beten taugen andere Orte mehr. Angeschaut und ein weiteres Stück Paris in mich aufgesogen. Anschließend ins Café. Es wird viel Geld kosten, den alten Stand wieder herzustellen.

Aber wird es der alte Stand? Oder kommt doch eine Glaskuppel wie beim Berliner Reichstag. Den Himmel offen sehen in einer Kathedrale, war mein erster Gedanke. Ich dachte ihn aber nicht als einziger. Also die Katastrophe als Chance für Neues. Immerhin noch fast jeder Brand zu einer verbesserten Folgesituation geführt. Aber bei allen Überlegungen geht es nicht um Religion sondern um Kunst und Pracht.

Wobei Kunst und Pracht der Kirche sehr bekannt sind. Pracht und Pomp, Pomp und Macht, Macht und Missbrauch. Alles gute Bekannte der katholischen Kirche. Auch sie brennt an allen Ecken und nun hat Rom wieder mal entschieden, dass es nicht brennt.

Kann man schon, durchaus eine Methode. Du stürzt aus großer Höhe und entscheidest dich gegen den Zug an der Reißleine des zufällig umgeschnallten Fallschirms, weil du dich gegen den Sturz entscheidest. Du ignorierst ihn, dann findet er am Ende gar nicht statt. Du verharrst im freien Fall. Gibt wenige, die das erfolgreich überstanden haben. Insofern darf man den Versuch der katholischen Kirche durchaus mit Skepsis begegnen. Wäre die Kirche eine Aktiengesellschaft, würde sie wohl den Kurs mit sich in die Tiefe reißen. 

Aber die Kirche ist keine Aktiengesellschaft. Und der Zölibat hat ganz praktische Hintergründe (also aus Sicht der Kirche) und der Missbrauch hat sehr viel damit zu tun und die Gleichberechtigung der Frauen ist alles andere als ein Sakrileg.

Auch der Absturz ist keine Fiktion, sondern nimmt rasant an Geschwindigkeit auf. Und nun wurde nicht nur der Zug an der Reißleine kategorisch ausgeschlossen, sondern der Fallschirm abgeschnallt. Man entschied sich für "Augen zu", damit der Absturz aus dem Blick verschwindet und ein "Weiter so" die Restfallhöhe ausfüllt. Und immer wieder bewahrheitet sich der alte Spruch aus der Wirtschaft: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.